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Darm und Psyche : Untermieter und Oberstübchen

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Ebenso wäre denkbar, dass sich Veränderungen im Mikrobiom von depressiven Patienten schlicht auf andere Ernährungsgewohnheiten zurückführen lassen. In diese Wissenslücke stößt die zweite, in „Science Advances“ erschienene Studie vor. Sie wies bei 63 Patienten mit diagnostizierter Schizophrenie typische Mikrobiom-Veränderungen nach. Dann transferierten sie diese veränderten Bakterienfaunen in Mäuse, die völlig keimfrei aufgewachsen waren und keine eigene Darmflora besaßen. Tatsächlich behielten die Mikrobiome schizophrener Spender in den Mäusen ihre typischen Signaturen. Zudem zeigten sich sowohl im Hirnstoffwechsel als auch im Verhalten der Nager „schizophrenierelevante“ Veränderungen. In einer ähnlichen Studie war es denselben Autoren schon 2016 gelungen, mit dem Mikrobiom depressiver Patienten auch depressive Symptome auf Mäuse zu übertragen.

Ökologisch gesehen, grenzt es an ein Wunder, das sich mit einer solchen Fäkaltransplantation ein typisch menschliches Mikrobiom in Nager übertragen lässt. Doch die Methode gilt als etabliert: Versuche zeigen, dass beim Transfer nur wenige und ohnehin seltene humanspezifische Bakteriengattungen verlorengehen.

Das größere Problem mit dem Mausmodell sei, inwieweit man Unterschiede im Verhalten der Tiere als Indizien einer psychischen Krankheit im menschlichen Sinne deuten könne, meint der Neuropsychiater Stefan Borgwardt von der Universität Basel. „Für depressives Verhalten mag das noch angehen, aber im Fall der Schizophrenie wird es arg schwierig.“ Deren mannigfaltige Symptome reichen beim Menschen von Wahn und Halluzinationen bis zu Zuständen, in denen der Patient kaum noch ansprechbar ist. Die „schizophrenen“ Mäuse der aktuellen Studie zeichneten sich dagegen lediglich durch höhere Aktivität und geringere Ängstlichkeit aus. Trotz der Vorbehalte begrüßt Borgwardt aber, dass neben der Suche nach genetischen Prädispositionen und hirnphysiologischen Veränderungen nun auch eine mögliche Rolle des Mikrobioms unser Bild von der Entstehung psychischer Krankheiten komplementiert.

Ein Modethema für Alternativmediziner

Die Idee, dass der Darm und seine Bewohner Einfluss auf das Gehirn nehmen und andersherum das Denkorgan die Darmflora beeinflussen könnte, findet auch Jonathan Eisen von der University of California in Davis durchaus nicht revolutionär. „Es gibt etliche Infektionskrankheiten, die mit Verhaltensänderungen einhergehen“, sagt der Mirkobiomforscher, der auch ein eifriger Blogger und Kritiker der eigenen Zunft ist. „Was dabei Ursache, was Effekt ist, bleibt extrem schwer zu trennen.“ Immerhin gibt es in den letzten Jahren immer mehr Hinweise auf mögliche Mechanismen, die das Wechselspiel zwischen Darmbakterien und menschlichem Gemüt auf molekularer Ebene erklären könnten.

Alternativmediziner haben das Modethema Mikrobiom längst in Beschlag genommen, etwa als vermeintlich wissenschaftliche Basis ayurvedischer Darmspülungen. In der Öffentlichkeit sei durch viele übertriebene Darstellungen der Eindruck entstanden, das Mikrobiom sei der Schlüssel zu sämtlichen Organen und ihren Erkrankungen, schreibt Elisabeth Bik von der Stanford University in einem Übersichtsartikel. Dabei könne man angesichts der extremen natürlichen Variabilität noch nicht einmal sagen, was ein typisches gesundes Mikrobiom ausmache. In einem sind sich die Fachleute aber einig: Bis zur gezielten Manipulation des Mikrobioms für medizinische oder gar psychiatrische Zwecke ist es noch ein langer Weg. Bis dahin gilt die auch aus anderen Gründen sinnvolle Empfehlung, die Vielfalt unserer Darmbakterien durch eine abwechslungsreiche, ballaststoffreiche Diät zu fördern und Antibiotika nur dann zu schlucken, wenn es wirklich nötig ist.

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