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Mikrobiom : Du bist nicht allein

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Organ mit eigenem Charme: Der Intestinaltrakt Bild: Science Photo Library / vario im

Im Darm leben mehr Bakterien, als der Mensch Zellen hat. Meist sind sie ihm wohlgesonnen. Manchmal nicht. Woran liegt das?

          Keine Frage: Der menschliche Verdauungstrakt und seine Bakterienflora sind, wenn man das ausnahmsweise so sagen darf, in aller Munde. Und das nicht erst seit Giulia Enders’ Überraschungsbestseller „Darm mit Charme“. Die Tatsache, dass es in unserem Ausscheidungsorgan von mikrobiellen Mitbewohnern nur so wimmelt, erscheint immer mehr Menschen weniger anrüchig als faszinierend. Probiotische Lebensmittel, welche die Bakteriengemeinschaft des Darms günstig beeinflussen sollen, liegen nicht erst seit kurzem im Trend.

          Die bloßen Zahlen sind tatsächlich beeindruckend: An die 100 Billionen Bakterien trägt ein gesunder Mensch mit sich herum, die große Mehrheit davon in seinem Darm. Auch wenn diese allerorten kolportierte Schätzung jüngst von israelischen Forschern auf 40 Billionen reduziert wurde - rein zahlenmäßig sind die genuin menschlichen Zellen den Mikroben noch immer unterlegen.

          Der Mensch und seine Bakterien

          Die Zeiten, da Ärzte ob dieser vermeintlichen Invasion Darmreinigungen oder gar die Entfernung des Dickdarms empfahlen, sind längst vorbei. Selbst unter Laien hat sich die Einsicht breitgemacht, dass die Mitbewohner, die kollektiv als intestinales Mikrobiom oder Mikrobiota bezeichnet werden, unsere Freunde sind. Sie helfen bei der Verdauung von Kohlehydraten und produzieren lebenswichtige Vitamine. Störungen der Darmflora, die sich nach Ansicht mancher Forscher schon in scheinbar kleinen Veränderungen der intestinalen Biodiversität zeigen können, werden mit einer Vielzahl von Erkrankungen in Verbindung gebracht, von entzündlichen Darmerkrankungen und Übergewicht über Krebs und Diabetes bis hin zu fragwürdigeren Zusammenhängen mit Autismus und unbewusster Partnerwahl. „Wir sind unsere Bakterien“, titelte die New York Times vor zwei Jahren. Auch Forscher sprechen gern von einem Metaorganismus aus Mensch und Mikrobe.

          Die öffentliche Aufmerksamkeit spiegelt die Erfolge in der Forschung wider. Möglich wurde er durch die enormen methodischen Fortschritte der vergangenen Jahre bei der DNA-Sequenzierung. „Seit Robert Koch war man fast 150 Jahre lang darauf angewiesen, Bakterien auf Nährböden zu züchten, um sie genauer untersuchen zu können. Der absolute Großteil der Darmbakterien lässt sich so aber gar nicht kultivieren“, sagt Philip Rosenstiel, Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie der Universität Kiel. Die innerhalb weniger Jahre sehr viel effizienter und billiger gewordenen Sequenziermethoden erlaubten nun einen direkten Blick in das bakterielle Ökosystem des Darms.

          Das spiegelt sich auch in der Statistik der Publikationsdatenbank „PubMed“ wider: Liefert das Stichwort „Mikrobiom“ für das Jahr 2006 noch knapp 300 Fachartikel, so lag diese Zahl 2011 schon beim fünffachen Wert. Im vergangenen Jahr befassten sich rund 5600 Arbeiten mit Mikrobiomen von Darm, Haut und Sexualtrakt von Mensch, Hund oder Honigbiene, 2016 sind es bereits Ende April mehr als 2400.

          Gesunde Ernährung ist nur halbe Miete

          Am Freitag vergrößerte das Wissenschaftsmagazin „Science“ diese Zahl mit einem Schwerpunktthema gleich um drei Original- und vier Übersichtsarbeiten. Präsentiert wurden unter anderem die Ergebnisse zweier großer Kohortenstudien in Belgien und den Niederlanden, für die jeweils gut 1100 Teilnehmer ausführliche Daten zu Ernährung, Lebensstil und Gesundheit lieferten, das Ganze ergänzt durch schockgefrostete Stuhlproben. Darin ließen sich 664 Bakterien-Gattungen identifizieren, von denen sich eine Stammbesetzung von 14 Gattungen in fast allen abgegebenen Proben wiederfand.

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