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Medizinsystem : Es ist Wissensmarkt - und keiner geht hin

  • -Aktualisiert am

Bild: Christian Burkert

Ein kritischer Blick darauf, wie Wissen in der Medizin erzeugt und genutzt wird. Ärzte scheuen Publikationen, die Verbände lassen sie im Stich. Deutschland fällt gnadenlos zurück.

          Die Vorstellungen von der modernen Medizin sind einfach: Eine immer effizientere Grundlagenforschung produziert neue Ideen und Konzepte. Daraus werden Therapieverfahren entwickelt, die in klinischen Studien im fairen Wettbewerb gegen andere Verfahren oder gegen die Natur ihre überlegene Wirksamkeit und Unschädlichkeit beweisen müssen. Die Ergebnisse werden in Datenbanken gesammelt und über das Internet in nutzerfreundlicher Form zur Verfügung gestellt. Ärzte und Patienten haben freien und einfachen Zugang und nutzen diese Erkenntnisse, um im partnerschaftlichen Dialog Diagnosen zu besprechen und zwischen Therapiealternativen zu entscheiden. Auf diese Weise werden - allerdings mit beträchtlichem finanziellen Aufwand - unverzichtbare Grundlagen für die optimale Patientenversorgung zur Verfügung gestellt.

          Visionen zeigen den Weg: So selbstverständlich, wie wir heute in den hochentwickelten Ländern Elektrizität und Wasser nutzen, wird auch Wissen in wenigen Jahren aus überall vorhandenen Informationssteckdosen zum Allgemeingut und durch drahtlose Angebote sogar allgegenwärtig. Alle Komponenten des Medizinsystems und vor allem der Arzt-Patienten-Dialog werden damit in ein neues Zeitalter eintreten. Der Blick auf die Realität ist dagegen allerdings ernüchternd. Trotz erheblicher internationaler Anstrengungen gibt es für viele Früherkennungsmethoden sowie für diagnostische und therapeutische Verfahren keine befriedigenden Antworten aus Daten klinischer Studien.

          Wissenspool und Wissenslücken

          Die weltweit durchgeführten weit mehr als 500 000 vergleichenden Studien bilden einen gewaltigen Wissenspool. Obwohl jedes Jahr deutlich mehr als 13 000 Studien neu hinzukommen, bleiben viele Fragen immer noch unbeantwortet. Zentrale Wissenslücken gibt es vor allem dort, wo mangels Profiterwartung keine industrielle Finanzierung von Studien existiert. Diese Lücken werden sich ohne grundlegende Änderungen der gesellschaftlichen Investitionen nicht verkleinern, da die Finanzierung von patientenorientierten klinischen Studien sich stetig mehr vom öffentlichen in den privatwirtschaftlichen Bereich verschiebt.

          Ebenfalls weit vom Idealzustand entfernt ist die Aufnahme neuer Erkenntnisse in der Gesundheitsversorgung. Unzählige Studien haben in den vergangenen vierzig Jahren gezeigt, dass die Verwirklichung von Wissen erschreckend langsam erfolgt und die verschenkte Zeit eine (selbstverständlich unbekannte) Anzahl vermeidbarer Todesfälle und nicht optimal behandelter Erkrankter zur Folge hat. Diese Feststellung gilt für Arzneimittel genauso wie für nichtmedikamentöse Verfahren. Sie gilt aber auch weit darüber hinaus für allgemeine Empfehlungen zur Gesundheitsvorsorge. Ein besonders krasses Beispiel sind die viele Jahre lang fälschlich aufrechterhaltenen Empfehlungen für die Bauchlage von Säuglingen, um die Gefahr des plötzlichen Kindstods zu reduzieren. Obwohl die vorhandenen Studiendaten deutlich auf die vermehrte Gefahr hinwiesen, behielt der Glaube an die alten Weisheiten viele Jahre die Oberhand gegenüber dem Wissen, mit der unvermeidlichen Konsequenz einer hohen Anzahl vermeidbarer Tode von Kindern.

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