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Medizingeschichte : Der große Irrtum des Doktor Koch

  • -Aktualisiert am

Mit dem Mikroskop fand Koch Anthrax-, Cholera- und Tuberkoloseerreger Bild: Robert Koch Museum und Robert Koch Archiv im Robert-Koch-Institut, Berlin

Robert Koch gilt als Mitbegründer der modernen Medizin. Vor 100 Jahren bekam er den Nobelpreis. Eine selten erwähnte, aber einschneidende Episode zeigt eine andere, weniger glorreiche Seite des Forschers.

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          Monate bevor Robert Koch vor 100 Jahren mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurde, schrieb der berühmte Mikrobenjäger frustrierte Briefe: Er sei bei seinen Forschungen auf „mehr Widerspruch und zwar ganz unberechtigten Widerspruch gestoßen als irgendein anderer“.

          Solche Frustration erstaunt bei einem Gelehrten, der mit seinen Erregerjagden Milzbrand, Cholera und Tuberkulose als von Bakterien verursachte Infektionskrankheiten enttarnte und damit nicht nur Begeisterungsstürme ausgelöst, sondern schon zu Lebzeiten Medizin und Hygiene revolutioniert hatte (siehe: Robert Koch: Vom Kreisarzt zum Nobelpreisträger).

          Eine groteske Geschichte

          Kochs Kummer im Jahre 1904 ist nur verständlich vor dem Hintergrund einer Episode, die seine bisherigen Biographen gerne unterschlagen - oder als verzeihlichen Irrtum eines Genies oder gar als Erfolg umdeuten. Dabei bietet die groteske Geschichte, die 1890 ihren Lauf nahm, nicht nur Einblick in Praxis und Ethik der frühen Arzneimittelentwicklung. Sie zeigt auch den Rummel um das erste moderne Heilmittel, bei dem unvollständige Forschung von Koch selbst im grellen Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit inszeniert wurde.

          Mageninhalt einer Choleraleiche: Protokollieren anno 1866
          Mageninhalt einer Choleraleiche: Protokollieren anno 1866 : Bild: Robert Koch Museum und Robert Koch Archiv im Robert-Koch-Institut, Berlin

          Die Affäre nahm ihren Ausgang am 4. August 1890. Koch hielt auf einem Berliner Kongreß seinen üblichen Vortrag „Über Bakteriologie“, beugte sich aber am Ende über das Rednerpult und machte - abweichend von seiner Gewohnheit - „über noch nicht abgeschlossene Versuche eine Mitteilung“. Atemlos lauschten die versammelten Ärzte. Er habe nach langem Suchen ein Heilmittel entdeckt, das „nicht nur im Reagenzglas, sondern auch im Tierversuch das Wachstum der Tuberkelbazillen aufzuhalten imstande ist.“

          Experimentalmedizin am Krankenbett

          Schon die Ankündigung löste Begeisterungsstürme aus, berichtet ein Zeitgenosse, „weil von dem Moment an, wo Robert Koch über eine Tatsache dieser Tragweite berichtet, dieselbe existieren müsse“. Was folgte, war der sogenannte Tuberkulinrausch, der nach kurzer Euphorie in ein Desaster münden sollte. Den Gründen für Kochs Verhalten geht der Historiker Christoph Gradmann in seinem Buch „Krankheit im Labor“ nach. Sorgfältig präpariert er die Mängel jener „reduktionistischen Strategie“ heraus, die Infektionskrankheiten vollständig vom Krankenbett ins Labor verlagern und „den kranken Menschen durch ein Tiermodell der Krankheit zu ersetzen“ suchte.

          Kochs Forschungsprogramm sei just in dem Moment an seine Grenzen gestoßen, als der Bakteriologe versucht habe, erstmals Experimentalmedizin am Krankenbett zu betreiben (siehe: Interview: Immun gegen die Immunologie). Dabei ist kaum verwunderlich, daß Koch an der Therapie der Tuberkulose scheiterte - sie ist bis heute nicht besiegt. Interessanter ist, warum er sein Scheitern bis zu seinem Tode nicht einsehen wollte und so zu einer tragischen Figur wurde, bis in sein Privatleben hinein.

          Übergroßes Ego

          Der verheiratete Professor stürzte sich zur selben Zeit in eine Liebesaffäre mit einer 17-jährigen Kunststudentin und löste damit einen gesellschaftlichen Skandal aus. 1893 ehelichte er sie. Sein übergroßes Ego ignorierte auch mißgünstig erste Therapieerfolge eigener Schüler und zeigte sich verärgert statt kollegial erfreut, als Emil von Behring vor ihm den Nobelpreis erhielt. Die Selbsttäuschung begann an jenem stillen Ort, den Koch neben den Tropen am meisten liebte: seinem Berliner Labor.

          Dorthin hatte er sich 1889 erstmals seit Jahren wieder häufiger zurückgezogen. Lehre und Prüfungen waren ihm ein Graus, auch die ständigen Hygienekurse für Ärzte langweilten ihn. Seit seiner erfolgreichen Jagd auf den Choleraerreger in Ägypten 1884 hatte der Meister nichts Originäres mehr publiziert - sein Pariser Erzkonkurrent Louis Pasteur dagegen hatte erste Impfstoffe entwickelt und wurde als Direktor des Pasteur-Instituts gefeiert. Koch suchte seit sechs Jahren vergeblich nach einem Heilmittel gegen die gefürchtete Tuberkulose.

          Karriere auf der Kippe

          Alle Mittel für eine „innere Desinfektion“ erkrankter Gewebe hatten sich im Tierversuch an Meerschweinchen als komplett unwirksam erwiesen. Kochs Karriere stand, so sah er es selbst, auf der Kippe. Im Mai 1889 setzte der Professor erneut auf Innovation und erforschte auf breiter Front neue chemische Präparate, bat etwa bei den Hoechst-Werken um Anilinfarben, „die im Handel nicht zu haben sind“. Er mischte die Substanzen in Nährgelatine, die er mit Erregern beimpfte. Das Kulturmedium sollte dadurch desinfiziert und die Bakterieninvasion verhindert werden.

          Koch dehnte die explorative Arzneimittelsuche im Februar 1890 zu einem regelrechten Screening aus. Innerhalb von vier Wochen wurden über 100 Chemikalien getestet. All diese Versuche lieferten aber keine brauchbaren Resultate. Im Gegenteil: Kochs Strategie der Desinfektion der Keime in Kulturschalen schien auf ganzer Linie gescheitert. Anfang April, vermutet Gradmann, startete der Mikrobenjäger dann eine neue Serie von Tierversuchen - und eine andere Strategie. Eines der wenigen aus jener Zeit erhaltenen Versuchsprotokolle vom 11. April dokumentiert, wie er einige Meerschweinchen mit Tuberkulosebazillen impft.

          Tote Bakterien werden zu Tuberkulin

          Einige dieser infizierten Tiere, die danach noch mehrfach mit einem Extrakt in Alkohol abgetöteter Tuberkelbazillen geimpft werden, leben überraschend länger, anstatt wie erwartet noch schneller dahinzusiechen. Nach der Autopsie findet Koch, daß der Impf-Extrakt offenbar nicht direkt gegen die Bakterien wirkt, sondern ein Absterben des Gewebes rund um den Infektionsherd auslöst. Seine Deutung dieses Befundes: Der Extrakt enthält eine Substanz, die Erreger am Infektionsherd aushungert.

          Im Frühsommer findet der Bakteriologe ein Verfahren zur Sterilisation von Keimen, das ihm praktikabel erscheint. Den so hergestellten löslichen Glycerinextrakt aus toten Bakterien nennt er Tuberkulin. Obwohl Koch die chemische Zusammensetzung seines Bazillenextraktes nicht kennt, stellt er sein Geheimmittel bei seinem ersten öffentlichen Vortrag im August in eine Reihe mit seinen erfolglosen Desinfektionsversuchen mit Chemikalien. Sowohl darüber, daß Tuberkulin ein Bakterienextrakt und keine definierte chemische Substanz ist, als auch über sein Konzept des „Aushungerns“ informiert er die Öffentlichkeit nicht.

          Alle Menschen reagieren heftig

          Zuvor hatte Koch mit seiner 17-jährigen Geliebten Hedwig Freiberg einen der damals durchaus üblichen heroischen Selbstversuche unternommen. Beide entwickelten hohes Fieber, Gliederschmerzen und Übelkeit, die aber 24 Stunden nach der Injektion verschwanden. Ende Juni 1890 wurden dann an Kochs Assistenten Shibasaburo Kitasato und August von Wassermann steigende Dosen Tuberkulin erprobt, einen Monat später bekamen weitere zwei Mitarbeiter die doppelte Dosis. Ergebnis: Schüttelfrost und 40 Grad Fieber.

          Koch versucht offenbar, die Ungefährlichkeit seines Mittels zu belegen und eine Minimaldosis für die Anwendung am Menschen zu bestimmen. Ein entscheidender Unterschied zwischen seinen Tier- und Menschenversuchen fällt ihm offenbar nicht auf: Alle Menschen, die er testet, reagieren heftig, während der gesunde Meerschweinchen-Organismus sich von dem Extrakt überhaupt nicht beeindrucken läßt. Erst nach jenem Vortrag in Berlin folgen ab September in der Charité Versuche bei Kranken unter der Anleitung seines Schwiegersohns Eduard Pfuhl.

          „Geschickt inszenierte Markteinführung“

          Schon am 13. November veröffentlicht Koch einen ersten Artikel - in einem Sonderheft der Deutschen Medizinischen Wochenschrift. Obwohl bisher kaum 50 Kranke das Tuberkulin erhalten haben, erklärt Koch es darin bereits zur ungefährlichen Arznei, durch die nicht nur die schwere Hauttuberkulose (Lupus), sondern auch eine beginnende Schwindsucht (Phthisis) „mit Sicherheit zu heilen“ sei. Bisher wurde stets behauptet, Koch sei zu der verfrühten Veröffentlichung seiner laufenden klinischen Versuche gedrängt worden. Der Historiker Gradmann deutet das Geschehen eher als „geschickt inszenierte Markteinführung“.

          Dazu paßt, daß Koch sich in der ersten Euphorie schon Ende Oktober 1890 von seiner ungeliebten Hygieneprofessur hatte beurlauben lassen. In vertraulichen Briefen forderte er vom preußischen Staat ein eigenes Institut - wie Pasteur in Paris -, in dem er sein Tuberkulin erforschen wollte. Den zu erwartenden Profit kalkulierte der Professor auf der Basis einer „Tagesproduktion von 500 Portionen Tuberkulin auf 4,5 Millionen Mark jährlich“. Zu der Prognose merkte er trocken an: Auf eine Million Menschen könne man durchschnittlich 6.000 bis 8.000 rechnen, welche an Lungentuberkulose leiden. Bei einem Land mit 30 Millionen Einwohnern komme man also auf „mindestens 180.000“ Schwindsüchtige. Daß Kochs Veröffentlichung zudem zeitgleich mit überaus positiven Erfahrungsberichten seiner Vertrauten erfolgte, diente also, schreibt Gradmann, „ebenso sehr der Prüfung wie der Propaganda des Mittels“.

          Tausende Tuberkulöse strömen nach Berlin

          Skeptische Beobachtungen wie die der Nebenabteilung für innerlich Kranke an der Charité, die das Tuberkulin ebenfalls seit September an Patienten erprobt hatte, fanden keinen Eingang in das begehrte Sonderheft. Statt dessen inszenierte der berühmte Chirurg Ernst von Bergmann auf Betreiben Kochs in Anwesenheit hochrangiger staatlicher Prominenz öffentlich eine Demonstration von Tuberkulininjektion an Kranken. Fortan häuften sich in der Fachpresse Berichte über zuvor undenkbare Heilungen. Die internationale Tagespresse erging sich in täglichen Hymnen über das „Kochsche Heilverfahren“.

          Die New York Sun beschreibt eine Szene in Berlin, in der Robert Koch stolz ein Fläschchen Tuberkulin als Heilmittel hochhält und ausruft: „Ich glaube, ich habe es hier drin.“ Während Tausende Tuberkulöse nach Berlin strömten, sorgte sich die Polizei um die wachsende Ansteckungsgefahr. Die Stadt verwandelte sich, wie die Vossische Zeitung vermerkte, „zum Wallfahrtsort für Ärzte aller Länder“. Wilde Kliniken schossen wie Pilze aus dem Boden, selbst Kaffeehäuser sollen sich über Nacht in Tuberkulin-Heilanstalten verwandelt haben. Erst langsam mischten sich kritische Stimmen in die blinde Euphorie. Im britischen Lancet distanzierte sich schon Mitte November ein hellsichtiger Korrespondent von der Massenhysterie und fragte unter der Überschrift „À Berlin“, was denn all die Mediziner in wenigen Tagen sehen und lernen wollten, wo Tuberkulose doch eine chronische Krankheit sei. Es sei „klüger, die praktischen Resultate abzuwarten“.

          Vernichtende Kritik

          Genau die sahen schon damals nicht günstig aus. Fieberschübe hielten manchmal länger an als erwartet, was mitunter den Tod der Patienten bedeutete. Bei Kranken standen Dauer und Schnelligkeit der Tuberkulinreaktion in keinem Verhältnis zu Stärke oder Ausbreitung des tuberkulösen Prozesses. Selbst Gesunde zeigten heftige Tuberkulinreaktionen. Weil Koch sein Geheimmittel zugleich als Diagnostikum und Therapie ansah, konnten die Befunde zu Beginn noch flexibel interpretiert werden. Als dann ab Anfang Januar Rückfälle selbst bei den wenigen Patienten auftraten, auf die sich bisher der Ruhm des Mittels gründete, übte der berühmte Pathologe Rudolf Virchow erste vernichtende Kritik.

          Die Autorität Virchow wies nach, daß sich bei Leichen frische Tuberkeln an der Injektionsstelle nachweisen ließen, was Kochs Geheimmittel nicht nur als unwirksam auswies, sondern sogar fürchten ließ, daß Tuberkulin den schwelenden Krankheitsprozeß anheizen konnte. Eine Woche nach diesem Donnerschlag sah sich Koch widerwillig genötigt, sein Geheimrezept offenzulegen. Er verstärkte damit die Enttäuschung, der innovative Zauber der Medizin verflog, weil es sich bei dem Kochschen Heilmittel lediglich um ein wenig definiertes Extrakt aus Tuberkeln handelte. Das Tuberkulin hatte sich, schreibt Kochs Biograph Gradmann, als „Fischzug im Trüben erwiesen“.

          Flucht nach Ägypten

          Böse Zungen behaupteten nun sogar, der Verdacht liege nahe, daß man insbesondere leichte Fälle, die sonst gar nicht als behandlungsbedürftig eingestuft worden wären, „geheilt“ habe. Die in Berlin tobende Debatte erlebte Koch nur noch aus sicherer Entfernung. Schon im Dezember war der Kritisierte nach Ägypten geflüchtet, an den Ort früherer Triumphe. Kochs Ruhm wankte, aber er stürzte nicht. Preußische Beamte machten den Helden Koch bald zum Direktor des im Sommer 1891 fertiggestellten neuen Instituts, in dem sehr bald Emil von Behring sein Diphtherieserum entwickelte.

          Koch reiste fortan vermehrt durch die Tropen, um dort wie früher auf einsame Erregerjagden gehen zu können. Nie hat er sich eingestanden, daß die Heilwirkung des Tuberkulins ein Glaubensakt war. Zumindest darin blieb er sich bis zum Tod mit den sonst verhaßten Homöopathen einig. Die setzen Tuberkulin mitunter bis heute als Therapie gegen Tuberkulose ein.

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