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Medizingeschichte : Der große Irrtum des Doktor Koch

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Dorthin hatte er sich 1889 erstmals seit Jahren wieder häufiger zurückgezogen. Lehre und Prüfungen waren ihm ein Graus, auch die ständigen Hygienekurse für Ärzte langweilten ihn. Seit seiner erfolgreichen Jagd auf den Choleraerreger in Ägypten 1884 hatte der Meister nichts Originäres mehr publiziert - sein Pariser Erzkonkurrent Louis Pasteur dagegen hatte erste Impfstoffe entwickelt und wurde als Direktor des Pasteur-Instituts gefeiert. Koch suchte seit sechs Jahren vergeblich nach einem Heilmittel gegen die gefürchtete Tuberkulose.

Karriere auf der Kippe

Alle Mittel für eine „innere Desinfektion“ erkrankter Gewebe hatten sich im Tierversuch an Meerschweinchen als komplett unwirksam erwiesen. Kochs Karriere stand, so sah er es selbst, auf der Kippe. Im Mai 1889 setzte der Professor erneut auf Innovation und erforschte auf breiter Front neue chemische Präparate, bat etwa bei den Hoechst-Werken um Anilinfarben, „die im Handel nicht zu haben sind“. Er mischte die Substanzen in Nährgelatine, die er mit Erregern beimpfte. Das Kulturmedium sollte dadurch desinfiziert und die Bakterieninvasion verhindert werden.

Koch dehnte die explorative Arzneimittelsuche im Februar 1890 zu einem regelrechten Screening aus. Innerhalb von vier Wochen wurden über 100 Chemikalien getestet. All diese Versuche lieferten aber keine brauchbaren Resultate. Im Gegenteil: Kochs Strategie der Desinfektion der Keime in Kulturschalen schien auf ganzer Linie gescheitert. Anfang April, vermutet Gradmann, startete der Mikrobenjäger dann eine neue Serie von Tierversuchen - und eine andere Strategie. Eines der wenigen aus jener Zeit erhaltenen Versuchsprotokolle vom 11. April dokumentiert, wie er einige Meerschweinchen mit Tuberkulosebazillen impft.

Tote Bakterien werden zu Tuberkulin

Einige dieser infizierten Tiere, die danach noch mehrfach mit einem Extrakt in Alkohol abgetöteter Tuberkelbazillen geimpft werden, leben überraschend länger, anstatt wie erwartet noch schneller dahinzusiechen. Nach der Autopsie findet Koch, daß der Impf-Extrakt offenbar nicht direkt gegen die Bakterien wirkt, sondern ein Absterben des Gewebes rund um den Infektionsherd auslöst. Seine Deutung dieses Befundes: Der Extrakt enthält eine Substanz, die Erreger am Infektionsherd aushungert.

Im Frühsommer findet der Bakteriologe ein Verfahren zur Sterilisation von Keimen, das ihm praktikabel erscheint. Den so hergestellten löslichen Glycerinextrakt aus toten Bakterien nennt er Tuberkulin. Obwohl Koch die chemische Zusammensetzung seines Bazillenextraktes nicht kennt, stellt er sein Geheimmittel bei seinem ersten öffentlichen Vortrag im August in eine Reihe mit seinen erfolglosen Desinfektionsversuchen mit Chemikalien. Sowohl darüber, daß Tuberkulin ein Bakterienextrakt und keine definierte chemische Substanz ist, als auch über sein Konzept des „Aushungerns“ informiert er die Öffentlichkeit nicht.

Alle Menschen reagieren heftig

Zuvor hatte Koch mit seiner 17-jährigen Geliebten Hedwig Freiberg einen der damals durchaus üblichen heroischen Selbstversuche unternommen. Beide entwickelten hohes Fieber, Gliederschmerzen und Übelkeit, die aber 24 Stunden nach der Injektion verschwanden. Ende Juni 1890 wurden dann an Kochs Assistenten Shibasaburo Kitasato und August von Wassermann steigende Dosen Tuberkulin erprobt, einen Monat später bekamen weitere zwei Mitarbeiter die doppelte Dosis. Ergebnis: Schüttelfrost und 40 Grad Fieber.

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