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Medizinethik : Die segensreichen Herzklappen für Moldawien

  • -Aktualisiert am

Der Herzchirurg Axel Haverich Bild: dpa

Ist das der Gipfel einer Kampagne? Der Herzchirurg Axel Haverich ist wegen Patentfragen vom Zukunftspreis ausgeschlossen worden. Ungerechterweise wurde sein Team fragwürdiger Heilversuche „im armen Ausland“ bezichtigt.

          7 Min.

          Ein Team des Hannoveraner Herzchirurgen Axel Haverich wurde vorletzte Woche für den Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten 2008 nominiert - und an diesem Dienstag wieder denominiert. Mit dem Zukunftspreis werden seit zwölf Jahren innovative wissenschaftliche Ideen ausgezeichnet, die zu erfolgreichen Produkten geführt haben.

          Das preiswürdige Produkt, das Haverich gemeinsam mit deutschen und moldawischen Kollegen entwickelt hat, ist eine geweblich veränderte, durch "Tissue engineering" gewonnene Herzklappe von verstorbenen Spendern, die bei Kleinkindern mit angeborenem Herzklappendefekt eingesetzt werden kann. Bisher konnten solche unbehandelt zum Tode führenden Herzfehler nur durch die Verpflanzung künstlicher oder von Schweinen stammender Herzklappen therapiert werden. Beides durchaus keine befriedigenden Verfahren: Die einen Implantate erfordern dauerhaft Medikamente zur Blutverdünnung, die anderen halten nicht lange - vor allem aber wachsen beide nicht mit, so dass die Kinder mehrfach operiert werden müssen. Dieses Elend könnte nun ein Ende haben. Seit 2002 wurden 19 Kinder mit den neuen, mitwachsenden Klappen versorgt; 18 von ihnen sind seither wirklich und offenbar dauerhaft gesund. Überdies verspricht die eingesetzte Methode Therapieerfolge auch für viele andere Patientengruppen. Eine naheliegende Zukunftspreis-Nominierung, möchte man meinen.

          Vorwurf ethischer Verstöße

          Das sehen manche Kritiker anders. Zum einen beansprucht eine andere deutsche Forschergruppe die Innovation für sich, zeiht also das Haverich-Team des Plagiats. Zum anderen wird ihm ein ethischer Vorwurf gemacht, weil die ersten 18 Operationen nicht etwa in Deutschland, sondern in Moldawien vorgenommen wurden. Der Plagiatsvorwurf, den die Beschuldigten für gänzlich unberechtigt halten, kann und muss allein von der "Scientific Community" geprüft werden. Doch weil diese Klärung nicht in der gebotenen Eile erfolgen konnte, hat die den Bundespräsidenten beratende Jury den Vorschlag Haverich gestern zurückgezogen - bedauernd und ausdrücklich nicht wegen der erhobenen ethischen Vorwürfe. Diese aber stehen weiterhin im Raum und rufen so die Medizinethik auf den Plan.

          Der vierjährige David Plöger war das erste deutsche Kind, dem Axel Haverich (rechts) die neuen mitwachsenden Herzklappen implantierte.
          Der vierjährige David Plöger war das erste deutsche Kind, dem Axel Haverich (rechts) die neuen mitwachsenden Herzklappen implantierte. : Bild: dpa

          "Für Kinderversuche ins arme Ausland", titelt wenige Tage nach der Nominierung die "Süddeutsche Zeitung". Und stellt das Unterfangen als ein Projekt dar, das zwar "Anzeichen" der therapeutischen Überlegenheit habe ("gesichert ist es nicht"), aber den ethischen Makel aufweise, dass seine klinische Erprobung nicht in Deutschland, sondern unter suspekten Bedingungen eben in Moldawien stattgefunden habe. Wo Haverich selbst kein Unrechtsbewusstsein habe, werden eine Zürcher Medizinrechtlerin und ein Frankfurter Ethiker als Zeugen der Kritikwürdigkeit zitiert: Die eine unterstellt Haverich, er habe "das Risiko offenbar nicht eingehen" wollen, diese Heilversuche hierzulande zu unternehmen, auch wenn sie nicht rechtswidrig gewesen wären. Der andere äußert zwar "ein gewisses moralisches Verständnis" für Haverich, redet aber von "Karnickelversuchen im Ausland" und rät von einer Ehrung durch den Bundespräsidenten ab. Das ist starker Tobak. Das droht hängenzubleiben. Zu Recht?

          Ausweichen ins Ausland?

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