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Medizinerausbildung : Simulanten hinter Spiegelglas

Medizinstudenten beobachten eine simulierte Anamnese Bild: Christian Burkert

Filmreife Szenen im Studienhospital Münster: Schauspieler, die auch Bakterien in Kauf nehmen, und Medizinstudenten, die unangenehme Fragen zu stellen lernen. Ein Flugsimulator in den Arztberuf.

          4 Min.

          Helles Neonlicht strahlt von der Decke, graublauer Linoleumboden liegt unter den Füßen und die schmucklosen weißen Wände des fensterlosen Gangs sind an beiden Seiten nur von sechs überbreiten Türen unterbrochen. In Höhe jedes Türgriffs hängt ein Desinfektionsmittelspender an der Wand, dessen typischer Geruch keinen Zweifel mehr zulässt: Man steht im Krankenhausflur.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch der vorsichtige Blick durch eine der offenstehenden Türen zeigt, was man in einer solchen Situation erwartet: Einbauschränke, ein Blumenstrauß auf dem Nachttisch, daneben eine Menge hochmoderner Monitore, die in allen Farben blinken oder in unregelmäßigen Abständen piepsen, und ein höhenverstellbares Bett, in dem ein Mann mit gelblich ungesund wirkender Hautfarbe liegt. Und drum herum eine Gruppe Weißkittel. Die Frage, die die vermeintlich junge Ärztin rechts vom Krankenbett dann aber stellt, lässt verblüfft aufhorchen: „Habe ich etwas vergessen? War das so in Ordnung?“ Die Antwort erhält sie freilich nicht von ihren Kollegen, sondern von dem Mann, der im blaugrün karierten Flanellpyjama vor ihr im Bett liegt.

          Lernen im Studienhospital

          Hier geht es nicht um Kunstfehler oder um Szenen einer Gesundheitsreform, auch nicht um alternative Behandlungsformen, sondern um Unterricht. In dem vergangenen November an der Uniklinik Münster eröffneten Studienhospital wird „den Medizinstudenten die Möglichkeit gegeben, in echt wirkender Umgebung praxisnah ohne Angst zu üben, was später ihre tägliche Arbeit ist“, sagt Studiendekan Bernhard Marschall – Fragen stellen, Fehler machen, alles, was dazu gehört. Marshall war einer der Wegbereiter für diese bundes- und nach Angaben der Verantwortlichen auch europaweit einmalige Einrichtung. Die Übungsstation befindet sich in einem ehemaligen Schwesternwohnheim, das mit viel Liebe zum Detail umgebaut und ausgestattet wurde. Von der Zeitschrift auf dem Nachttisch über die grün gestreifte Bettwäsche bis hin zur weißen Rauhfasertapete an der Wand ist an alles gedacht.

          Auch die Übungspatienten sind selbstverständlich aus Fleisch und Blut, wie Volker Kuhlhüser, der kerngesund und Schauspieler am Theaterpädagogischen Zentrum in Münster ist. Zu seiner eigentümlichen Gesichtsfarbe kam er mit reichlich Theaterschminke und nicht etwa, wie vorgespielt, durch eine Leberzirrhose. Jeder der 14 Schauspielpatienten kann drei bis vier Krankheitsbilder mit allen Symptomen und einer dazugehörigen Krankheitsgeschichte simulieren. Das Kranksein wurde nach allen Regeln der Kunst in der Klinik geschult, berichtet der Leiter des Studienhospitals, Hendrik Friedrichs. Doch nicht nur perfekt simulieren müssen die Schauspielpatienten, sondern den Studenten nach dem Gespräch oder der Untersuchung auch ein Feedback über ihr Verhalten aus Patientensicht geben.

          Hinter der Spiegelscheibe

          Der angehenden Medizinerin, die mit Volker Kuhlhüser das Anamnesegespräch geführt hat, gibt er den Tipp anzuklopfen, bevor sie ein Patientenzimmer betritt, denn ohne Anklopfen könnten sich spätere Patienten gestört oder überrumpelt fühlen. Rückmeldung gibt es für die Studenten auch von ihren Kommilitonen. Diese haben nämlich mit ihrem Tutor Johannes Püschel, selbst Medizinstudent aus einem höheren Semester, das Gespräch mit dem Versuchspatienten durch eine Spiegelscheibe aus dem Beobachtungsraum, der sich neben jedem Patientenzimmer befindet, beobachtet und per Kopfhörer verfolgt, wie sich ihre angehende Kollegin im Gespräch geschlagen hat. „Beim Thema Alkohol hättest du ein bisschen mehr nachhaken müssen“, hakt einer der Studenten ein, „da hättest du bestimmt noch wichtige Infos erhalten.“ Genau darum geht es: Einüben, auch intime Fragen zu stellen, nach dem Alkoholkonsum, dem Stuhlgang oder Beziehungsproblemen.

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