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Stigmatisierte Alkoholkranke : Ein eiskalter Wind weht von überall ins Gesicht

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Wer alkoholkrank ist, kann oft nicht auf die Hilfe der Ärzte hoffen. Bild: dpa

Ausgegrenzt, verkannt und oft auch von Ärzten nicht wirklich verstanden: Die Situation von Alkoholkranken ist prekär. Mediziner fordern, die Stigmatisierung der Süchtigen zu beenden.

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          Ein Prosit der Gemütlichkeit - der Spruch sagt schon fast alles: In unseren Breitengraden gehören alkoholische Getränke zu einem geselligen Leben. So werden in Deutschland pro Person und Jahr durchschnittlich rund 110 Liter Bier, 25 Liter Wein und 6 Liter Hochprozentiges wie Schnaps und Likör getrunken; das entspricht einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von rund 12 Liter reinem Ethanol. In der Antike als Gottesgabe verehrt und besungen, spielen vergorene Trauben- und Gerstensäfte in unserem Kulturkreis seit Jahrtausenden eine wichtige Rolle.

          Auch ihre Schattenseiten haben die Menschheit seit jeher begleitet. Denn was für die einen Genuss, ist für die anderen Berauschung oder Betäubung. Insbesondere in schwierigen Lebenssituationen verwandelt sich Alkohol nämlich leicht zu einem gefährlichen Begleiter. Dass man diesen anschließend nicht mehr oder nur noch unter größter Anstrengung loswird, liegt nicht allein an dem starken Verlangen nach dem betäubenden Getränk. Auch äußere Hürden machen es Personen mit Trinkproblemen vielfach extrem schwer, in ein normales Leben zurückzukehren. Denn während das Gläschen in Ehren als Lebenskunst zelebriert wird, gilt der Missbrauch als Ausdruck für Disziplinlosigkeit, Charakterschwäche, Rücksichtslosigkeit.

          Ein Drittel der Gewalttaten

          Alkoholsüchtige erhalten daher oft sehr viel weniger Unterstützung als Personen mit anderen Krankheiten. Ihnen bläst vielmehr ein eiskalter Wind entgegen. Sicherlich: Ein zu tiefer Blick ins Glas kann verheerende Konsequenzen haben. Wie aus dem Jahrbuch Sucht 2015 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen hervorgeht, wurden im Jahr 2013 rund 53 000 Gewalttaten, das sind etwa 31 Prozent aller kriminellen Handlungen dieser Art, unter Alkoholeinfluss verübt. Noch mehr als anderen schaden Vieltrinker allerdings zumeist sich selbst. So wurden im selben Erhebungsjahr knapp 400 000 Personen wegen alkoholbedingter Gesundheitsschäden im Krankenhaus oder einer anderen medizinischen Einrichtung versorgt. Die registrierten Fälle sind freilich nur die Spitze des Eisbergs. Weitaus größer ist die Zahl jener, deren schädliches Trinkverhalten in keiner offiziellen Statistik auftaucht. Hochrechnungen zufolge konsumieren hierzulande rund 3,4 Millionen Männer und Frauen deutlich zu viele promillehaltige Getränke und sind daher in besonderem Maße von Gesundheitsschäden und Tod bedroht. Wie Forscher der medizinischen Universität Greifswald zeigen konnten, verkürzt Alkoholmissbrauch das Leben um rund zwanzig Jahre. „Nur etwa acht Prozent aller Alkoholkranken befindet sich aber in Behandlung“, sagte der Psychiater und Psychotherapeut Michael Soyka von der Privatklinik Meiringen kürzlich auf einer Tagung über die Stigmatisierung von Alkoholikern in Zürich. „Dieser Anteil ist deutlich geringer als bei anderen psychischen Störungen.“

          Alkoholkonsum schadet.

          Dass nur eine Minderheit der Betroffenen behandelt wird, hat verschiedene Gründe. Laut den Erkenntnissen von Forschern um Megan Schuler von der John Hopkins University hoffen die meisten Betroffenen, das Problem würde früher oder später von allein wieder verschwinden („Psychiatric Services, Bd. 66 [11], S.1221). Viele schämen sich zudem ihres Trinkproblems, da sie sich hierfür verantwortlich fühlen und meinen, sie müssten auch ohne fremde Hilfe in der Lage sein, vom Alkohol loszukommen. Überschattet werden derartige Selbstvorwürfe obendrein von der Angst, eine Offenbarung könnte zu sozialer Ausgrenzung führen. Diese Sorge kommt nicht von ungefähr. Denn Alkoholiker stoßen in der Gesellschaft auf besonders große Ablehnung. „Suchtkranke gelten als charakterschwach“, sagt Siegmund Drexler, Beauftragter der Landesärztekammer Hessen für Drogen und Suchterkrankungen der Berufsangehörigen. „Diese Vorstellungen stammen noch aus dem 19. Jahrhundert, haben sich allerdings bis heute gehalten.“ Dabei gebe es heute keine Zweifel mehr daran, dass Alkoholismus eine Krankheit ist. Das zeigten unter anderem die Erkenntnisse der neurobiologischen Forschung.

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