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Medizin : Lungenzüge gegen Diabetes

  • -Aktualisiert am

Seit diesem Jahr ist das erste inhalierbare Insulin in Deutschland erhältlich. Daß es gelungen ist, dem Insulinmolekül den Weg in die Lunge zu ebnen, ist eine große technische Leistung. Allerdings eignet sich das Produkt nicht für alle Zuckerkranken.

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          Seit Mai 2006 ist in Deutschland das erste inhalierbare Insulin erhältlich. Vorausgegangen war eine jahrzehntelange Suche nach einer Möglichkeit, den Patienten die ständigen Injektionen zu ersparen. Einnehmen läßt sich Insulin nicht, denn es wird im Magen rasch zerstört. Millionen Diabeteskranke sind deshalb darauf angewiesen, es täglich in das Unterhaut-Fettgewebe zu spritzen.

          Daß es überhaupt gelungen ist, dem Insulinmolekül den Weg in die Lunge zu ebnen, damit es ebenso wie Sauerstoff über das Atemorgan in die Blutbahn gelangt, ist einer ausgeklügelten technischen Leistung zu verdanken. Sie besteht in der feinsten Pulverisierung des Wirkstoffes. Ein so versprühtes Insulinkörnchen weist nur den 35. Teil des Durchmessers eines menschlichen Haares auf.

          Allerdings ist eine durchschlagende Veränderung für die meisten Diabetiker offenbar nicht in Sicht. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) hat jüngst zu Recht darauf hingewiesen, daß es sich bei diesem inhalierbaren Insulin allenfalls um ein Produkt für eine Minderheit unter den Zuckerkranken handelt.

          Das Inhalieren will geübt sein

          Nicht nur das Spritzen will geübt sein, sondern auch das Inhalieren und Luftanhalten. Nur dann gelangt die richtige Insulindosis in die Lunge. Patienten mit Diabetes Typ-I, bei denen die Funktion der Bauchspeicheldrüse komplett ausgefallen ist, könnten zwar tagsüber zu den Mahlzeiten auf die Inhalationen zurückgreifen. Die tägliche Spritze für das Basis-Insulin mit lang anhaltender Wirkung bleibt ihnen aber nicht erspart. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist es erst gar nicht zugelassen, ebensowenig für Schwangere.

          Zielgruppe sind besonders jene meist übergewichtigen Patienten mit Diabetes Typ-II, deren Insulinproduktion zwar noch nicht gänzlich versiegt ist, deren Bauchspeicheldrüse aber bei der Bewältigung der Zuckermengen nach den Mahlzeiten eine Unterstützung benötigt. Viele Experten beklagen seit langem, in diesen Fällen werde oft zu spät mit der Insulintherapie begonnen. So käme es zu jahrelangen Verzögerungen mit entsprechend früher einsetzenden Spätfolgen für den Organismus. Diese Kranken scheuen oft die Spritze, und gerade ihnen soll das Inhalieren den Einstieg in die Insulintherapie erleichtern.

          Vorbehalte gegen die Art der Werbung

          Schon jetzt, wenige Monate nach der Einführung des inhalierbaren Insulins, werden Vorbehalte laut. Anneliese Kuhn-Prinz, die Herausgeberin des „Insuliners“, einer von insulinabhängigen Diabetikern verfaßten Zeitschrift, rügt insbesondere die Art, wie für den neuen Applikationsweg geworben wird. So würde die Angst geschürt, der spritzende Diabetiker könnte mit einem drogenabhängigen Junkie verwechselt werden.

          Es hieße, im Restaurant entfalle die unter dem Tisch „gesetzte“ Insulinspritze, das Hautgewebe würde zudem nicht mehr so unansehnlich (www.insuliner.de, Heft 75, S. 9). Außerdem sei die vielfach bemühte „Nadelphobie“ nicht das eigentlich Schwierige an einer guten Stoffwechseleinstellung. Das Abstimmen von Essen und Spritzen mit den gemessenen Blutzuckerwerten, die eben unerläßliche tägliche Disziplinierung, würde auch durch das Inhalieren nicht leichter

          Schwierigkeiten in der Praxis besonders bei Rauchern

          Darüber hinaus verweist Frau Kuhn-Prinz auf Schwierigkeiten, die in der Praxis auftreten könnten. Es zeigte sich, daß Antikörper gegen Insulin bei der neuen Anwendungsweise insbesondere bei Typ-I-Diabetikern häufig vorkommen. Gerade diese Antikörper können aber später, wenn der Patient die Behandlung auf Injektionen umstellt, erhebliche Schwierigkeiten bereiten. Raucher sind von der Therapie mit inhalierbarem Insulin generell ausgeschlossen, denn durch das Rauchen wird die Weite der Lungengefäße verändert. In einer Studie mit nicht zuckerkranken Rauchern zeigte sich, daß bei ihnen die Insulinwirkungen nach Inhalieren stark schwankten, was wiederum das Risiko gefährlicher Unterzuckerungen erhöht (“Diabetes Care“, Bd. 29, S. 277). Raucher müssen deshalb mindestens ein halbes Jahr abstinent gewesen sein, bevor sie inhalierbares Insulin anwenden können.

          Die Dosisschwankungen sind freilich nicht der einzige Grund für die Bedenken, die vor allem angesichts der fehlenden Erkenntnisse über die Langzeitwirkung des Inhalierens erhoben werden. Niamh Martin und Karim Meeran vom Hammersmith Hospital in London erinnern im „British Medical Journal“ (Bd. 332, S. 1273) daran, daß es sich beim Insulin um ein machtvolles „Mitogen“ handelt. Wie sein Verwandter, der Insulinähnliche Wachstumsfaktor I (IGF I), vermag es das Zellwachstum anzuregen, auch dasjenige von Krebszellen.

          Forscher mahnen, vorsichtig zu sein

          Manche Experten weisen den hohen Insulinspiegeln beim Typ-II-Diabetes und den damit einhergehenden hohen Blutzuckerspiegeln sogar eine eigene Rolle als Risikofaktor bei der Entstehung vieler Tumorarten zu. Als Beispiele werden Brustkrebs und Darmkrebs genannt. Im Novemberheft der Zeitschrift „Lung Cancer“ (Bd. 54, S. 247) berichten japanische und amerikanische Forscher auch über den möglichen Zusammenhang zwischen einer Form von Lungenkrebs und dem Insulinähnlichen Wachstumsfaktor. Dem Rezeptor für IGF I lagert sich auch das Insulinmolekül an.

          Zwar entfaltet es dort eine nicht ganz so starke Wirkung wie der eigentliche Bindungspartner, aber dafür erreicht Insulin bei der Inhalations-Therapie eine ungewöhnlich hohe Konzentration. Denn die Dosis muß beim Inhalieren zehnmal so hoch sein wie bei der Injektion in das Unterhaut-Fettgewebe, soll der gleiche Wirkstoffpegel im Blut erreicht werden. Die Frage, ob dies bei Rauchern, selbst wenn sie ein halbes Jahr auf die Zigarette verzichtet haben, für deren vorgeschädigte Zellen in der Lunge einen gefährlichen Wachstumsanreiz darstellt, läßt sich bislang nicht beantworten. Nicht ohne Grund mahnen Forscher, vorsichtig zu sein, bis durch Langzeitbeobachtungen die Sicherheit der Anwendung besser belegt ist.

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