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Meditation : Wundersames Meditieren

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Begründer der Transzendentalen Meditation: Maharishi Mahesh Yogi Bild: picture-alliance / dpa

Eine Studie über Transzendentale Meditation ruft bei Wissenschaftlern Protest hervor. Die Statistik, welche die lebensverlängernde Wirkung belegen soll, ist mangelhaft, die Ergebnisse sind irreführend.

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          Wer zweimal zwanzig Minuten am Tag meditiert, scheint fein heraus zu sein. Er verringert sein Risiko, einem Herz-Kreislauf-Leiden zu erliegen, um 30 Prozent, an Krebs zu sterben, um 49 Prozent und die Sterberate überhaupt um 23 Prozent - gemessen an anderen Maßnahmen. Mit derart hoffnungsvollen Aussagen wartete unlängst eine Veröffentlichung aus den Vereinigten Staaten auf, die über einschlägige Presseagenturen Verbreitung fand.

          Die heilsame Wirkung wurde einer speziellen Entspannungstechnik nachgesagt, der Transzendentalen Meditation. Sie leitet sich von alten indischen Yoga-Traditionen ab und soll in einen Bewußtseinszustand versetzen, der den von Schlafen, Wachen und Träumen übersteigt und schlicht der „Vierte Zustand“ oder der „Zustand des reinen Bewußtseins“ genannt wird. Neben den vielfältigen beruhigenden Effekten wird dieser Meditation vor allem eine blutdrucksenkende Wirkung zugesprochen. Dies gilt in der jetzt vorgelegten Analyse als Haupterklärung für den spektakulären lebensverlängernden Einfluß.

          Lebensverlängernde Wirkung nicht bewiesen

          Wer im Verlauf einer herkömmlichen Blutdruckbehandlung mühevoll um eine Änderung krankmachender Lebensstile - zuwenig Bewegung und zuviel Gewicht - oder um eine optimale Einstellung der Medikamente ringt, dürfte neidvoll auf eine derart leicht erzielbare Erfolgsbilanz schauen. Daß die Arbeit in einer renommierten Fachzeitschrift veröffentlicht wurde, dem „American Journal of Cardiology“ (Bd.95, S.1060), und prestigeträchtige Einrichtungen wie die Harvard Medical School beteiligt sind, weist auf Seriosität hin. Wer indes genauer nachfragt, wird immer skeptischer. Augenfällig ist schon beim ersten Lesen, daß die werbewirksam verbreitete Verringerung der Krebstodesrate von fast 50 Prozent einem statistischen Härtetest nicht standhält. Es könnte sich um einen Zufallsbefund handeln, was auch gar nicht abgestritten wird.

          Schon die Frage, gegenüber welcher Vergleichsgruppe denn die besseren Überlebensraten erzielt wurden, führt in weitere methodische Untiefen. Zwei alte Studien - eine an 77 weißen Amerikanern aus einem Altersheim in der Gegend von Boston, eine zweite an 125 schwarzen Amerikanern aus Kalifornien - wurden hier miteinander verrechnet. Die Transzendentale Meditation wurde dabei jeweils unterschiedlichen Verfahren gegenübergestellt, etwa mentaler Relaxation, progressiver Muskelrelaxation, einer Unterweisung in gesundheitsförderndem Verhalten sowie herkömmlicher, zum Teil auch medikamentöser Behandlung. Unklar bleibt, über wie viele Jahre die Probanden die Meditation und die anderen Maßnahmen überhaupt durchhielten.

          Verschweigen von Nebenwirkungen

          Als Mißachtung üblicher Qualitätsstandards muß die Tatsache bewertet werden, daß bei einer der beiden Studien die Gruppe der meditierenden Patienten ein statistisch ins Gewicht fallendes niedrigeres Durchschnittsalter aufwies als die anderen Vergleichsgruppen, dies aber nicht erwähnt wird. Denn allein in dieser Unterstudie zeigten sich die Überlebensvorteile. Schon ein wissenschaftlicher Laie würde erwarten, daß in einer von vorneherein jüngeren Gruppe bis zum Endpunkt der Untersuchung mehr Probanden überleben als von den älteren, zum Vergleich herangezogenen Kontrollpersonen. In der zweiten der beiden vermischten Studien hat die Transzendentale Meditation sogar einen deutlich lebensverkürzenden Effekt, wenn man sie mit einer herkömmlichen Behandlung vergleicht.

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