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Medikamentenstudie in Rennes : Der verhängnisvolle Test

  • -Aktualisiert am

Der menschliche Körper produziert seine eigenen Cannabinoide. Das könnte ein pharmakologischer Ansatz sein. Bild: Illustration F.A.S.

Das dramatische Ende einer Medikamentenstudie in Frankreich: Ein Toter und fünf Schwerkranke sind zu beklagen. Worum ging es bei dieser Studie genau und warum gab es so viele Opfer?

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          Die portugiesische Pharmafirma Bial hatte große Hoffnungen in ihr Präparat BIA 10-2474 gesetzt. Es sollte einmal Angstzustände, Bluthochdruck und chronische Schmerzen lindern, außerdem Übergewicht und die motorischen Probleme von Parkinsonpatienten bekämpfen. Doch dann kam es schon in der ersten Phase der klinischen Tests zur Katastrophe: Einer der Teilnehmer fiel ins Koma und starb, fünf weitere Probanden sind schwer erkrankt – drei könnten bleibende Hirnschäden davontragen. Das kam völlig unerwartet. Die Studie in Rennes wurde abgebrochen.

          Der Wirkstoff BIA 10-2474 sollte das körpereigene Endocannabinoid-System beeinflussen.* Die Entdeckung dieses Systems ist eng verknüpft mit der Kultivierung der Hanfpflanze Cannabis, aus der schon früh in der Geschichte der Menschheit medizinische Drogen hergestellt wurden. Die indische Textsammlung Atharvaveda dokumentiert, dass bereits um 1400 vor Christus herum verschiedenste Leiden mit Hanf-Extrakten behandelt wurden, etwa Stress- und Angstzustände, Appetitlosigkeit und Krämpfe. Oder starke Schmerzen. Die berauschende Wirkung blieb nicht unbemerkt.

          Körpereigener Drogenrezeptor

          Auf welche Weise die Pflanzenstoffe den Körper beeinflussen, wurde allerdings erst seit Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts deutlich. Damals gelang es Forschern, einen psychoaktiven Wirkstoff Tetrahydrocannabinol aus der Hanfpflanze zu isolieren. Woran diese Substanz im Körper bindet, um ihre Wirkung zu entfalten, wurde Jahrzehnte später aufgedeckt: 1992 konnte man einen ersten Rezeptor identifizieren und nannte ihn CB1. Warum der Mensch aber solch einen Drogen-Rezeptor besitzt, blieb schleierhaft.

          Heute ist bekannt, dass der Körper selbst Cannabinoide herstellt. Diese körpereigenen („endogenen“) Substanzen aktivieren die beiden Rezeptoren CB1 und CB2. Als die zwei wichtigsten Endocannabinoide gelten das Anandamid und das 2-Arachidonoylglycerol, kurz 2-AG. Im Unterschied dazu werden alle von außen zugeführten Cannabinoide mit der Vorsilbe „Exo“ gekennzeichnet. Die Cannabis-Pflanze beispielsweise enthält mehr als sechzig solcher Wirkstoffe.

          Erholung für den Körper

          Exo- wie Endocannabinoide wirken schmerzlindernd, senken die Körpertemperatur und den Blutdruck, hemmen die Ausschüttung von Stresshormonen und entkrampfen die Muskulatur. Außerdem wirken sie Stimmungsschwankungen und Angstzuständen entgegen, steigern den Appetit und halten Entzündungsreaktionen im Gehirn in Schach. Der Körper nutzt eigene Cannabinoide für seine Erholung, hat sich dafür ein System aus Substanzen, Rezeptoren und Reaktionsketten geschaffen – jeweils spezifisch für die verschiedenen Körperregionen. „Es gibt quasi kein Organsystem, in dem Endocannabinoide keine Rolle spielen“, sagt Beat Lutz. Er leitet das Institut für Physiologische Chemie der Universitätsmedizin Mainz und beschäftigt sich schon seit längerem mit dem Endocannabinoid-System.

          „Obwohl die Rezeptoren CB1 und CB2 überall im Körper präsent sind, wirken die Endocannabinoide lokal und zeitlich begrenzt“, erklärt Lutz. „Endocannabinoide werden nur dort gebildet, wo sie aktuell gebraucht werden; es werden nie alle Rezeptoren gleichzeitig aktiviert.“ Auf diese Weise kann zum Beispiel ein CB1-Rezeptor im Gehirn stimuliert werden, während ein CB1-Rezeptor im Fettgewebe oder in der Leber inaktiv bleibt. Dadurch unterscheiden sich endogene Manipulationen des Systems stark von einer Stimulation mit Cannabinoiden von außen. Lutz stellt klar: „Wenn THC oder synthetische Cannabinoide von außen zugeführt werden, wird der ganze Körper überschüttet. Das kann im Falle von Medikamenten unerwünschte Nebenwirkungen verursachen.“

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