https://www.faz.net/-gwz-7zws0

Masernausbruch in Berlin : Kein neuer Typ, trotzdem gefährlich

  • -Aktualisiert am

Ein Kinderarzt impft ein Mädchen gegen Masern. Bild: dpa

In Berlin sind mehr als 450 Menschen an Masern erkrankt. Beim Robert Koch-Institut verfolgt man die internationale Debatte über den Schutz. Längst ist die Frage aufgetaucht, ob man Babys früher impfen sollte.

          2 Min.

          Hohes Fieber, schwere Erkältung: Die Symptome, die der Sohn von Sabine A. zeigte, hätten zu vielen verschiedenen Krankheiten gepasst. Erst nach ein paar Tagen, als das Ergebnis vom Krankenhaus kam, war klar, dass der 23-Jährige an Masern erkrankt war. Sabine A., die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, holte ihn aus seiner Kreuzberger Wohngemeinschaft in die elterliche Wohnung, sprach tagelang mit Ärzten, dem Gesundheitsamt und vielen Freunden, die anriefen, um gute Besserung zu wünschen. Immer wieder war auch die Rede von einem besonders aggressiven Erreger, sagt Sabine A., deren Sohn inzwischen wieder gesund ist. „Ich habe mehrfach die Vermutung gehört, dass das Virus, das in Berlin kursiert, mutiert ist und deshalb besonders gefährlich sein soll.“

          Die Gerüchteküche in der Hauptstadt brodelt, seitdem die Masern massiv um sich greifen. 468 Fälle seit Beginn des Ausbruchs zählt das Landesamt für Gesundheit und Soziales in seinem aktuellen Wochenbericht. Die meistbetroffene Gruppe unter den deutschen Erkrankten ist zwischen 18 und 43 Jahre alt. Allein in Berlin sind dieses Jahr schon mehr Menschen an Masern erkrankt als 2014 in ganz Deutschland.

          Kein ungewöhnlich aggressiver Erreger

          Eine Befürchtung kann Annette Mankertz, die Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Masern, Mumps und Röteln am Robert-Koch-Institut (RKI), aber ausräumen: „Dafür, dass es sich um einen ungewöhnlich aggressiven Erreger handelt, haben wir überhaupt keinen Anhaltspunkt“, sagt Mankertz. „Es handelt sich um eine Variante des Masern-Genotyps D8, die erstmals im Jahr 2013 in Russland nachgewiesen wurde und im Moment in Bosnien-Hercegovina zirkuliert.“ Mit Asylbewerbern kam der Erregertyp im Herbst nach Berlin.

          Insgesamt 24 verschiedene Genotypen der Masern wurden bislang beschrieben. „In ihrer Virulenz unterscheiden sie sich überhaupt nicht“, betont Mankertz. Durch das Altersprofil der Erkrankten in Berlin wird klar, welche Bedeutung die Impfung hat. Die einmalige Masernimpfung wurde in der Bundesrepublik und in der DDR Anfang der siebziger Jahre eingeführt. „Durch die einmalige Impfung ist ein etwa neunzigprozentiger Schutz gewährt“, erklärt Mankertz. Von 1991 an galt dann die Empfehlung, zweimal zu impfen. Heute impft man einmal im Alter von elf bis vierzehn und dann noch einmal zwischen fünfzehn und 23 Monaten. Pflicht war die Impfung im Westen Deutschlands nie. Die vor 1970 Geborenen haben die Masern wahrscheinlich durchgemacht; in dem Fall sind sie geschützt. Die Ständige Impfkommission (Stiko) am RKI rät den nur einmal Geimpften, nicht Geimpften und denjenigen mit unklarem Impfstatus, die ab 1970 geboren sind, sich impfen zu lassen.

          Geimpft und doch erkrankt?

          „Selten tritt der Fall auf, dass jemand, der zweimal geimpft wurde, doch die Masern bekommt“, sagt die Epidemiologin Dorothea Matysiak-Klose vom Fachgebiet Impfprävention am RKI. Hier registriert man solche Fälle und hat erste Erklärungen dafür: „Durch die vermehrten Impfungen zirkulieren immer weniger Wildviren. Deshalb sinkt die Wahrscheinlichkeit, durch den Kontakt mit Wildviren immer mal wieder ,geboostert’ zu werden.“

          International beginnt inzwischen zudem eine Debatte darüber, ob man mit der ersten Impfung noch etwas „vorrücken“ könne. Derzeit empfiehlt die Stiko, Kinder erstmals mit elf oder, etwa wegen des frühen Besuches einer Krippe, mit neun Monaten gegen Masern zu impfen. Verschiedene Studien zeigen aber, dass der Nestschutz gegen Masern, den das Baby von der Mutter bekommt, möglicherweise nicht besonders lange vorhält. Im Alter von einem halben Jahr wiesen in einer belgischen Studie schon fast alle untersuchten Babys keine mütterlichen Antikörper mehr auf („British Medical Journal“, doi: 10.1136/bmj.c1626). „Im Moment sieht die Stiko in Ausnahmefällen die Möglichkeit vor, Babys in einer besonderen epidemiologischen Situation auch ab sechs Monaten zu impfen – etwa wenn die Familie in ein Land reist, in dem die Masern weit verbreitet sind“, sagt Matysiak-Klose.

          In Berlin sind die jüngsten Erkrankten vier Monate alt. „Jeder, der sich impfen lässt, übernimmt nicht nur Verantwortung für sich und seine Familie“, sagt Annette Mankertz, „sondern auch für das Baby im Nachbarhaus.“ Und, fügt sie hinzu, für Immungeschwächte oder Schwangere, die sich nicht impfen lassen können.

          Weitere Themen

          Die Entfremdung

          FAZ Plus Artikel: Streit um Kinderimpfungen : Die Entfremdung

          Jahrzehntelang hat die Politik bei Impfungen auf den Rat ihrer Fachleute gehört, doch ausgerechnet bei Corona kommt es zum Bruch zwischen den Regierenden und der Ständigen Impfkommission. Wie konnte das passieren?

          Topmeldungen

          Wichtiger Wert: Wie viele Covid-Kranke auf  Intensivstationen liegen.

          Kennwerte der Corona-Pandemie : Neue Zahl, neues Glück?

          Die Zahl der Neuinfektionen bestimmte in den vergangenen Monaten den Alltag. Damit soll nun Schluss sein. Doch die neuen Pläne der Regierung, gehen Wissenschaftlern nicht weit genug – denn Entscheidendes wurde in Deutschland versäumt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.