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Masern : Es geht ein Erreger auf Reisen

  • -Aktualisiert am

Schön ist das nicht. Aber der einzige Weg, die Masern in den Griff zu bekommen. Bild: action press

Die aktuellen Masernfälle sorgen für Aufregung. Fachleute sind allerdings nicht überrascht, denn das Virus steckt überall. Wenn Deutschland die Krankheit loswerden will, hilft nur eines: konsequent impfen.

          5 Min.

          Wie aus dem Nichts taucht der Erreger der Masern schon lange nicht mehr auf. Als die Masernimpfung vor vierzig Jahren in West-Deutschland eingeführt wurde, war das noch anders. Das Virus konnte damals noch nicht exakt typisiert werden. Heute sind ihm die Ermittler der Gesundheitsbehörden hart auf den Fersen.

          So auch beim aktuellen Ausbruch in Berlin. Annette Mankertz und ihre Mitarbeiter haben den Erreger schnell identifiziert. Bereits im vergangenen Februar waren die Leiterin des Nationalen Referenzzentrums Masern, Mumps und Röteln beim Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) und ihre europäischen Kollegen auf einen ähnlichen Typ in Bosnien-Herzegowina aufmerksam geworden. Ein durch den Krieg angeschlagenes Gesundheitssystem, Impfquoten von lediglich knapp über fünfzig Prozent – angesichts derartiger Bedingungen konnte das Virus in der Balkanregion inzwischen mehr als zweitausend Menschen infizieren.

          Die Virus-Detektive sitzen im Büro

          Mit einer Gruppe von Migranten aus dem Balkan, so der momentane Ermittlungsstand, wurde der verantwortliche Genotyp D8 dann im Oktober vergangenen Jahres in die deutsche Hauptstadt geschleust. Dort breitete er sich zunächst in Flüchtlingsunterkünften aus, bevor er vor allem im impfkritischen Berliner Milieu seine Opfer fand. Insgesamt 652 Infizierte zählt man bis heute. Davor trieb D8 in Russland sein Unwesen.

          Die Karriere dieses Virustyps ist nicht ungewöhnlich. Anfang Februar haben Annette Mankertz und ihre Mitarbeiter in einem Beitrag für Virus Genes die Wanderwege der wichtigsten Masernstämme der vergangenen sieben Jahre nachgezeichnet. Das Muster ist stets dasselbe: „Das Virus wird von außerhalb Europas importiert, bleibt ein paar Monate und verschwindet dann wieder“, sagt die Wissenschaftlerin. Wie ein Gummiball hüpfe ein solcher Eindringling über die europäische Landkarte.

          Trifft er zufällig auf eine ausreichend große Gruppe Menschen, die nicht durch eine vorhergehende Impfung oder Erkrankung immun gegen ihn sind, flackert ein lokaler Infektionsherd auf. Sind irgendwann einmal so viele Menschen angesteckt, dass das Virus keine neuen Opfer mehr findet, erlischt der Herd von selbst. Das erwarten die Fachleute auch für Berlin, möglicherweise schon zu Ostern, spätestens im Sommer. Der Erreger springt unterdessen zum nächsten Herd, bis ihm auch dort die Kraft ausgeht.

          Die Virus-Detektive, die dem Erreger auf der Spur sind, können ihre Arbeit heute größtenteils vom Schreibtisch aus erledigen. „Wir schauen uns stets einen ganz bestimmten Abschnitt im Masern-Genom an“, sagt die Virologin. Der ist gerade mal 450 Basenpaare lang. Das Ergebnis der Sequenzierarbeit wird dann an eine WHO-Datenbank in London geschickt, die aus aller Welt mit Virus-Steckbriefen gefüttert wird.

          Ein Match, also eine Übereinstimmung, verrät, wo dieser Stamm oder ein enger Verwandter sich zuvor schon herumgetrieben hat. Ein Beweis für eine Infektionskette ist dies allerdings noch nicht. Dazu müssen die Seuchenwächter erst noch diejenige Person aufspüren, die beispielsweise Genotyp D8 aus Bosnien nach Berlin gebracht haben könnte. Im aktuellen Fall fand sich in den Datenbögen, die Ärzte und Gesundheitsämter den eingereichten Virus-Proben beilegen, rasch die Spur Richtung Balkan und damit das letzte fehlende Teil in Mankertz’ Puzzle.

          Insgesamt acht Stämme, „Clades“ genannt, sind der Wissenschaft heute unter den Masernviren bekannt. Sie werden mit den Großbuchstaben A bis H bezeichnet, das Krankheitsbild ist bei allen dasselbe. Diese Clades werden noch einmal in 24 Genotypen unterteilt. Der Berliner Stamm D-8 zum Beispiel ist für die Experten ein alter Bekannter. In Indien und Thailand hat er sich fest eingenistet. Die Impfquoten vor Ort sind bescheiden, so dass diese Länder immer wieder Ausgangspunkt für Infektionswellen auf anderen Kontinenten werden. Auch D-4-Hamburg, ein Stamm, der die Hansestadt zwischen 2008 und 2009 heimsuchte, wird seinen Ursprung wahrscheinlich in Südostasien gehabt haben. Ein B3-Erreger weist dagegen auf einen Stammbaum mit afrikanischen Wurzeln hin, D-5-Okinawa machte sich irgendwann aus Japan auf den Weg in die Schweiz.

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