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Masern in Berlin : Viele Kinder werden zu spät geimpft 

  • -Aktualisiert am

Ein junger Mann wird in einer Arztpraxis in Berlin gegen Masern geimpft. Bild: dpa

Die Debatte um die Masernwelle konzentriert sich jetzt auf Säuglinge und Kleinstkinder. Zu Recht, denn sie sind besonders gefährdet. Aber dass man mit ihnen sicherheitshalber zu Hause bleiben soll, hat der Verband der Kinderärzte nie behauptet.

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          Beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) liefen in der vergangenen Woche die Telefonleitungen heiß: Die Meldung, dass Berliner Eltern mit ihren Babys zu Hause bleiben sollten, um sich vor einer Ansteckung mit Masern zu schützen, ließ die Organisatoren von Baby-Yoga- und Baby-Schwimmkursen und die Anbieter von Krabbelgruppen, vor allem aber unzählige Eltern besorgt nachfragen, ob man denn nun wirklich nicht mehr mit anderen Menschen zusammentreffen dürfe. „Die Aussage stammte aber von keinem unserer befugten Pressesprecher“, sagt Wolfram Hartmann, Präsident des BVKJ. Der Verband distanziert sich von dieser Empfehlung. „Selbstverständlich können Babys an die frische Luft“, sagt Hartmann. „Man sollte mit Säuglingen in den ersten Lebensmonaten aber ohnehin keine überfüllten U-Bahnen oder Kaufhäuser aufsuchen, weil sie aufgrund ihres noch nicht ausgereiften Immunsystems dort einer erhöhten Infektionsgefahr ausgesetzt sind. Das hat aber nichts mit der Masernwelle in Berlin zu tun, sondern ist eine generelle Regel.“

          Auch wenn die strikte Empfehlung, in den eigenen vier Wänden zu bleiben, viele Eltern verunsichert hat – sie hat die öffentliche Aufmerksamkeit auf die angesichts des Masernausbruchs wohl verletzlichste Gruppe gelenkt. Im Mittelpunkt der Debatte um Impfpflicht und Infektionsrisiken stehen inzwischen Säuglinge, die keine Chance auf einen Immunschutz haben, weil sie zu jung sind, um eine Impfung oder gar die zwei üblichen Vakzinationen gegen Masern zu erhalten. Während das Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin regelmäßig die Zahl der Infizierten bekanntgibt (inzwischen fast 750 seit Beginn des Ausbruchs im Herbst), melden die Medien nun auch stets, wie viele davon Babys sind (bisher insgesamt siebzig).

          Impfempfehlungen ignoriert

          Das Interesse ist wohl auch aufgeflackert, weil die nicht autorisierte Mitteilung der Kinderärzte nicht nur jene verunsichernde Empfehlung enthielt, zu Hause zu bleiben, sondern auch über eine seltene Spätfolge einer frühen Maserninfektion aufklärte: die SSPE (subakute sklerosierende Panenzephalitis). Die chronische Gehirnentzündung tritt Monate bis Jahre nach der – vermeintlichen ausgeheilten – Maserninfektion auf und führt zu schweren Hirnschäden, die Kinder werden pflegebedürftig und sterben. Eine unter rund 1000 bis 3000 Infektionen endet mit dieser Komplikation. Er habe in 41 Berufsjahren einen Fall von SSPE erlebt, der erst zwanzig Jahre nach der im Babyalter erfolgten Infektion eintrat, blickt Kinderarzt Wolfram Hartmann zurück. Das lässt ahnen, wie viel Verunsicherung die nun reichlich fließenden Informationen über die Folgen von Maserninfektionen bei betroffenen Familien auslösen. Und wie lange der Ausbruch in Berlin noch für Angst und Besorgnis sorgen wird.

          Dementsprechend setzt auch das Robert-Koch-Institut (RKI) die Gefährlichkeit des Masernausbruchs für Kleinstkinder in seinem am Montag erschienenen „Epidemiologischen Bulletin“ ganz oben auf die Agenda. Die RKI-Experten werten nicht nur den aktuellen Ausbruch, sondern auch die Maserninfektionen des Jahres 2014 aus. Das im vergangenen Jahr besonders massive Vorkommen bei Kindern im Alter von einem und unter einem Jahr bestätige, dass viele Kinder nicht nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission geimpft werden, sondern zu spät, schreiben die Epidemiologen.

          Bezogen auf die Altersgruppe ist die Zahl der Neuinfektionen bei Kleinstkindern am größten. Ein Problem sind dabei auch die Mütter. Zum einen können viele ihren Kindern keinen Nestschutz mitgeben, weil sie nicht geimpft sind und die Masern auch nicht selbst durchgemacht haben. Aber auch, wenn die Frauen geimpft sind, ergeben sich Schwierigkeiten. Die „Leih-Immunität“ für das Kind hält weniger lange an als nach einer natürlichen Infektion. „Oftmals nur noch zwei bis vier Monate“ seien die Babys nach der Geburt geschützt. Geimpft wird gegen das Masernvirus frühestens im Alter von neun Monaten. In dem entstehenden Zeitfenster könnten die Babys durch den „Herdenschutz“ abgeschottet werden, den man um sie herum aufbauen müsste. Im Klartext: Noch mehr ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene müssten sich impfen lassen. Dann, heißt es im Bulletin des RKI, könne auch ein Ziel, von dem Deutschland noch weit entfernt ist, wieder realistischer werden: die Masern auszurotten.

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