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Magen-Darm-Erkrankungen : Zucken, Zittern, Züngeln

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Das Magen-Darm-Mittel Metoclopramid gehört zu den am häufigsten verordneten Substanzen. Amerikanische Forscher haben nun die Substanz im Hinblick auf die Nebenwirkungen bewertet. Sie warnen.

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          Das Magen-Darm-Mittel Metoclopramid gehört zu den am häufigsten verordneten Substanzen. Es ist etwa in den Präparaten mit den Handelsnamen Paspertin, Gastrosil und MCP-ratiopharm enthalten. Insofern stimmt es nachdenklich, daß Metoclopramid für immerhin ein Drittel aller durch Medikamente verursachten Bewegungsstörungen verantwortlich gemacht wird.

          In einer umfassenden Bewertung der Substanz weisen jetzt der amerikanische Gastroenterologe Jay Pasricha und andere Forscher von der University of Texas in Houston auf diese ihrer Meinung nach zu selten beachteten Folgen hin. Frauen, ältere Patienten und Diabetiker seien ganz besonders anfällig für die unerwünschten Wirkungen ("Nature Clinical Practice Gastroenterology and Hepatology",Bd. 3, S.183).

          Metoclopramid blockiert bestimmte Dopaminrezeptoren im Gehirn. Diese Bindungsstellen sind zum Beispiel an der Auslösung des durch Chemotherapeutika verursachten Brechreizes beteiligt. Darauf beruht die Wirkung Metoclopramids gegen Übelkeit und Erbrechen. Der Botenstoff Dopamin steuert aber auch die Motorik des Magen-Darm-Traktes, weshalb Metoclopramid in erster Linie zu den Propulsiva zählt. So werden Substanzen genannt, die an der Muskulatur der Darmwand ihre Wirkung entfalten und im wesentlichen die Passage der Nahrung beschleunigen. Beschwerden wie Sodbrennen, Völlegefühl und Übelkeit nach dem Essen, Erbrechen unverdauten Essens, vorzeitiges Sättigungsgefühl und Blähungen werden zum Beispiel einer verzögerten Entleerung des Magens zugeschrieben oder gehen damit einher.

          Die Spätfolgen sind selten zu beeinflussen

          Die Nebenwirkungen umfassen ein Spektrum von unkontrollierten Bewegungen, wie man sie insbesondere von Neuroleptika kennt, die etwa gegen Wahn und Halluzinationen verordnet werden. Schmerzhafte Muskelspasmen, die mit Verdrehungen des ganzen Rumpfes einhergehen können, aber auch Blickkrämpfe oder ein Schiefhals können bereits innerhalb der ersten Tage nach der Einnahme auftreten. Parkinsonartige Störungen wie Zittern in Ruhe, Verlangsamung, trippelartiger Gang in kleinen Schritten und Steifheit in den Bewegungen zählen ebenfalls zu den eher frühzeitig auffallenden Symptomen.

          Andere Patienten werden von einer sowohl inneren wie äußeren Unruhe befallen, sie können nicht mehr still sitzen und nesteln ständig an sich selbst herum. Später kann es zu unwillkürlichen, stereotypen Bewegungen der Gesichtsmuskulatur kommen, manche Betroffenen schmatzen, lecken die Lippen oder strecken ständig ruckartig die Zunge heraus. Andere wiederum schaukeln, stoßen mit dem Becken ruckartig vorwärts oder geben seltsame Laute von sich, stöhnen und rülpsen. Diese Spätfolgen sind oft von langer Dauer und therapeutisch selten nachhaltig zu beeinflussen, allenfalls kommt es zu einer Linderung.

          Ärzte werden juristisch zur Rechenschaft gezogen

          Je länger die Substanz verabreicht wird und je höher die Dosis ist, desto eher kommt es zu solchen Folgeerscheinungen. Die Ärzte aus Texas raten daher dringend zu einer umfassenden Aufklärung. Inzwischen würden immer mehr Gastroenterologen wegen der Folgen einer Metoclopramidbehandlung von ihren Patienten juristisch zur Rechenschaft gezogen. Die Wissenschaftler geben auch zu bedenken, daß die Vorteile einer Therapie mit Metoclopramid nicht für jede Anwendung sicher belegt seien. So würden beispielsweise Übelkeit und Erbrechen nach einer Operation in der hierfür verabreichten Dosis nicht nennenswert gebessert. Ärzte vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf weisen jetzt ebenfalls auf den umstrittenen Nutzen der Substanz nach Eingriffen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich hin ("Laryngo-Rhino-Otologie online").

          Auch bei Migränen soll Metoclopramid Abhilfe schaffen

          Metoclopramid zählt inzwischen auch zum Routinemedikament bei der Behandlung der Migräne. Hier soll es zum einen durch Beschleunigung der Magen-Darm-Passage für einen rascheren Beginn der Wirkung von Schmerzmitteln sorgen. Zum anderen ist inzwischen jedoch auch nachgewiesen, daß Metoclopramid eigenständig den Migräneschmerz zu lindern vermag. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft hat erst kürzlich in einer Neufassung ihrer Leitlinien Metoclopramid für die Behandlung einer Migräneattacke all jenen Patienten empfohlen, die zusätzlich unter Übelkeit, Erbrechen oder anderen Magen-Darm-Beschwerden leiden. Allerdings hat die Gesellschaft ebenfalls diejenigen Studien, die die Wirksamkeit von Metoclopramid geprüft hatten, dahin gehend kommentiert, daß die häufigen Nebenwirkungen das eigentliche Hindernis für die Anwendung dieses Medikamentes seien. Sie warnten vor allem die behandelnden Ärzte davor, die Bewegungsstörungen zu übersehen, weil sie sich erst spät im Laufe einer Migräneattacke entwickeln könnten.

          Kinder sind besonders anfällig für die Nebenwirkungen

          Zur Vorsicht mahnen auch Kinderärzte, da Metoclopramid auch in der Altersstufe unter zehn Jahren angewendet wird. Besonders die Jüngsten seien anfällig für die frühen, mit Muskelkrämpfen einhergehenden Bewegungsstörungen. Türkische Ärzte von der Universität Dokuz Eylul in Izmir bezifferten unlängst das Risiko, daß sich bei Kindern - auch unter der empfohlenen Dosis - diese unerwünschten Wirkungen zeigen, auf 25 Prozent ("European Journal of Emergency Medicine", Bd. 12, S. 117). Sie weisen insbesondere auf die Schwierigkeit hin, diese Störungen bei Kindern zu erkennen und nicht fälschlich mit anderen Erkrankungen zu verwechseln.

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