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Mädchenabtreibungen in Indien : Die Zweite muss weg

In der Minderzahl: Mädchen in Indien Bild: dapd

Immer mehr Eltern können es sich leisten, das Geschlecht schon in den ersten Monaten nach Beginn der Schwangerschaft ermitteln zu lassen. Das ist verboten, aber in Indien nutzen die Eliten trotzdem dieses Wissen, um breitflächig abzutreiben: bevorzugt Mädchen.

          Es ist eine humanitäre Tragödie, eine Schande für ein Volk, das sich seiner klugen, progressiven Eliten rühmt und seine Rolle als größte Demokratie der Welt machtpolitisch immer unverhüllter zum Ausdruck bringt. Man könnte es allerdings auch als einen fortgesetzten, staatlich tolerierten Medizinskandal bezeichnen, der von einer breiten korrumpierbaren Ärzteschicht in Indien ins Werk gesetzt wird. Gemeint ist die gezielte, illegaleTötung von Millionen indischer Mädchen im Bauch der Mutter - von Paaren und Müttern, die nicht etwa blind kulturellen Traditionen folgen, sondern von wohlhabenden, gut ausgebildeten Menschen, die altertümlichen Ansichten anhängen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          In den vergangenen dreißig Jahren waren es schätzungsweise vier bis zwölf Millionen Mädchen, die einem Schwangerschaftsabbruch nach Geschlechterauswahl zum Opfer gefallen sind. Davor, weit zurück ins neunzehnte Jahrhundert, waren nachweislich schon Unzählige frühzeitig gestorben, seinerzeit vor allem in den ländlichen und ärmeren Familien, weil es gang und gäbe war, den Söhnen im Krankheitsfall eine intensivere medizinische Betreuung zukommen zu lassen. Die Situation hat sich allerdings grundlegend verändert, seitdem Ultraschallgeräte für die Schwangerschaftsvorsorge selbst in abgelegenen Regionen des Riesenreiches zur Verfügung gestellt werden. Damit hat sich offensichtlich nicht nur die Gesundheitsvorsorge der Schwangeren und Föten verbessert, sondern es ist gleichzeitig ein Medizintechnikmarkt für die selektive Abtreibung und Geschlechterauswahl im Wert von inzwischen schätzungsweise mehr als hundert Millionen Dollar jährlich entstanden. Immer mehr Eltern können es sich leisten, das Geschlecht schon in den ersten Monaten nach Beginn der Schwangerschaft von ihren Ärzten ermitteln zu lassen. Gute ausgebildete, vermeintlich moderne Menschen spielen nach den Regeln einer fragwürdigen Tradition und mit den Mitteln moderner Diagnostik Schicksal. Sie lehnen Mädchen nicht grundsätzlich ab. Auch pfuschen sie dem Schicksal offenbar selten ins Handwerk, wenn sie schon einen Sohn haben. Aber wenn schon das erste Kind ein Mädchen war, suchen viele Mütter und Paare gezielt die Hilfe von willfährigen Ärzten.

          Die gefährliche Schieflage im Geschlechterverhältnis beschleunigt sich zusehends

          Offiziell ist die pränatale Geschlechterauswahl mit modernen Diagnostiktechniken in Indien spätestens seit 1996 verboten. Doch ganz offenkundig werden davon weder die werdenden Eltern noch die Mediziner von der Entscheidung zum tödlichen Eingriff abgehalten. Das hat jetzt eine große Studie einer kanadisch-indischen Gruppe um Prabhat Jha von der Dalla Lana School of Public Health an der Universität Toronto gezeigt, die in der Zeitschrift „Lancet“ nachzulesen ist (doi: 10.1016/S0140-6736(11)60649-1). Die Mediziner haben drei Volkszählungen - inklusive der jüngsten aus dem laufenden Jahr - sowie zehntausende repräsentativer Datensammlungen aus indischen Geburtsregistern ausgewertet. Ergebnis: Die gefährliche Schieflage im Geschlechterverhältnis beschleunigt sich zusehends. 1991 „fehlten“ verglichen mit der Zahl der Jungen 4,2 Millionen Mädchen im Alter bis zu sechs Jahren, der Zensus 2011 offenbarte mindestens 7,1 Millionen weniger Mädchen. Das Verhältnis von 906 Mädchengeburten zu je tausend Jungengeburten hat sich im Jahr 2005 auf 836 zu tausend verschlechtert.

          Die Geschlechterauswahl breitet sich nach Auffassung der Forscher quasi epidemisch in wohlhabenden indischen Familien aus: Früher etwa galt der Bundesstaat Kerala als Musterstaat für eine ausgewogene, fortschrittliche Sozialpolitik. Heute nimmt die Überzahl der Männer auch dort schnell zu. Der Trend ist den Erhebungen zufolge mittlerweile in den meisten indischen Bundesstaaten klar nachweisbar.

          Auf das gesamte Volk gesehen, angesichts von bald 1,2 Milliarden Einwohnern, ist die Zahl von jährlich 0,3 bis 0,6 Millionen der durch Geschlechterselektion gesteuerte Abtreibungen zwar überschaubar. Zwei bis vier Prozent der etwas mehr als dreizehn Millionen Mädchen-Schwangerschaften in Indien werden demnach vorzeitig beendet. Die Mediziner warnen aber, dass sich der Trend weiter beschleunigt. Er soll mittlerweile sogar bei indischen Paaren zu erkennen sein, die etwa in den Vereinigten Staaten leben, und auch dort die Zweitgeborenen einer pränatalen Geschlechterselektion zu Lasten der Mädchen unterwerfen. Und was Indien betrifft, sind Fachleute wie S.V. Subramanian von der Harvard School of Public Health in Boston schon deshalb skeptisch, weil die betroffenen Paare und Ärzte nur selten ernste Strafen fürchten müssen. Nach der jüngsten Recherche indischer Journalisten kam es bei knapp 800 Anklagen wegen Geschlechterauswahl in siebzehn indischen Staaten nur in sechs Prozent der Fälle zu Verurteilungen.

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