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Lungenleiden : Nicht jeder Husten ist gleich Asthma

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Eine richtige Asthmadiagnose bleibt deshalb eine Sache für Spezialisten. Und um deren Hilfe in Anspruch zu nehmen, nimmt Kevins Mutter regelmäßig zwei Stunden Fahrt zur Universitätsklinik Freiburg auf sich, denn der letzte Arzt schraubte vor allem die Medikamentendosis in die Höhe. Nun sitzt ihr Sohn zwischen Teddybär und Arche-Noah-Mobile der Ärztin auf einem Hocker gegenüber und knetet etwas unsicher seine Hände.

Letztens beim Kindergeburtstag gab es wieder Schwierigkeiten. Es war feucht, kalt; die Jungen rannten durch die Gegend - kein untypisches Szenario für einen Asthmaanfall. „Und was hast du gemacht?“, fragt Andrea Heinzmann ihren elfjährigen Patienten. „Gesprüht, mit dem blauen Spray“, so seine knappe Auskunft. Es handelt sich hierbei um ein bronchienerweiterndes Akut-Medikament, ein Beta-Sympathomimetikum. Außerdem nimmt Kevin morgens und abends noch einen Hub aus einem lila Spraybehälter, welcher Kortison und ein länger wirkendes Sympathomimetikum enthält: Dank dieser erfolgreichen Kombination haben sich die Lebensaussichten von Asthmatikern stark verbessert. Den Anfang machten Ende der achtziger Jahre schon Kortison-Sprays, die nicht nur die chronische Entzündung lindern, sondern auch die Überempfindlichkeit der Atemwege.

So wird eine harmlose Störung zur Krankheit

Ob ein Kind auf die Arzneimittel anspricht, gilt Spezialisten oft als wichtigstes Indiz, um so die wirklich kranken Patienten zu identifizieren. „Ein Asthma ist erst ein Asthma, wenn die Symptome durch Asthmamedikamente verschwinden“, erklärt dazu der Erlanger Chefarzt Wolfgang Rascher. Langfristig betrachtet, sieht die Sache etwas anders aus, wenn eigentlich gesunde Kinder diese Medikamente erhalten. So deuten Ergebnisse aus Studien darauf hin, dass Sympathomimetika auf Dauer die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass aus der harmlosen Störung eine Krankheit wird. Und Kortison hilft zwar, die hyperaktiven Abwehrzellen eines Asthmatikers zu bremsen, unterdrückt aber in der Lunge von Gesunden die Immunabwehr und macht das Organ womöglich anfälliger für Infektionskrankheiten.

Um diese Zusammenhänge stärker zu berücksichtigen, machen sich Dietrich Berdel und Kollegen seit sechs Jahren für ein sogenanntes Disease-Management Programm, kurz DMP, für Asthma-Kinder bis zum Alter von vier Jahren stark: Niedergelassene Ärzte und Betroffene, die sich dafür einschreiben, müssen strikte Regeln befolgen; die Therapie muss zum Beispiel Leitlinien und damit den wissenschaftlichen Erkenntnissen folgen. Zudem sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen vorgeschrieben, und damit lassen sich Fehldiagnosen vermeiden. Laut Berdel zeigt sich bereits bei Jungen und Mädchen im höheren Alter, dass sie von diesem Programm profitieren. Gerade haben die Kinderärzte im Gemeinsamen Bundesausschuss einen erneuten Versuch gestartet, das Programm zu etablieren und durch die Krankenkassen zu finanzieren.

Das klingt zunächst erstrebenswert, doch es gibt auch Kritik: Die Diagnose Asthma sei für Kleinkinder in dem bisherigen Entwurf noch zu unklar definiert, mahnt Rascher jedoch zur Vorsicht: Dementsprechend hoch sei das Risiko, dass auch im Rahmen des DMP kurzfristig an Bronchitis erkrankte Kinder zu langfristigen Asthmatikern gemacht würden. Deshalb fordert Rascher Nachbesserungen. Aber dann könnte das Programm tatsächlich helfen, dass man die schwierigste Diagnose von allen wieder häufiger hört: Es handelt sich um ein gesundes Kind.

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