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Low-Fat-Diät : Eine einzige fette Lüge

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Die Produktion von Milch und Butter allerdings wurde weiter besonders gefördert. Deren Verteufelung überließ man eine Generation später den Amerikanern. Schlüsselfigur hier war ein Physiologe namens Ancel Keys. Dieser setzte schon in den 1950er Jahren eine Studie über sieben Länder auf, die insgesamt einen Zusammenhang zwischen dem Konsum tierischer Fette und dem Auftreten von Herzerkrankungen nachwies. Er wurde zwar kritisiert, etwa mit dem Hinweis, dass solche Zusammenhänge rein gar nichts darüber aussagen, ob das eine auch die Ursache des anderen ist. Später wurde auch belegt, dass bei Analyse anderer Nationen, inklusive großer wie Deutschland und Frankreich, das Gegenteil herausgekommen wäre.

Die These vom schädlichen Fett passte gut ins Bild

Doch die Sache bekam eine nicht aufzuhaltende Dynamik. Das lag nicht nur daran, dass Vertreter der Ernährungslehre schon damals oft Überzeugungstäter mit Mission waren. Es passte auch gut ins Bild, dass vor allem dicke Menschen Infarkte und Schlaganfälle bekamen. Zudem waren die Kalorien im Fett konzentrierter als etwa in Kohlenhydraten. Die These vom fett machenden Fett schien nur allzu logisch. Dass seinerzeit schon Jakob Moleschott die Kohlenhydrate als die eigentlichen „Fettbildner“ bezeichnet hatte, spielte dabei keine Rolle, auch wenn zum Beispiel jeder Tiermäster wusste, dass Nutzvieh allein von Getreide fett wird. Auch einen physiologischen Sündenbock glaubte Keys ausgemacht zu haben: Cholesterin, das unter anderem in Butter vorkommt, wurde bei Infarktpatienten häufig in hoher Konzentration im Blut gefunden.

Viele Ernährungswissenschaftler bereiteten daraufhin Studien vor, um an wirklich aussagekräftige Daten zu kommen. Erst einmal so lange zu warten, bis brauchbare Resultate vorliegen würden, fiel jedoch weder den Ernährungspolitikern noch der Öffentlichkeit ein. 1976 überließ es der zuständige Ausschuss in den Vereinigten Staaten einem Journalisten namens Nick Mottern, allgemeingültige Ernährungsempfehlungen auszuarbeiten. Der hatte keinerlei fachlichen Hintergrund außer dem, Vegetarier zu sein. Und statt die zahlreich verfügbaren Experten zu befragen, beschränkte Mottern sich lieber auf einen. Das war Mark Hegsted, der an der Harvard School of Public Health lehrte, und seine These war angenehm eindeutig: Fett, vor allem tierisches, ist schädlich. Weil man aber irgendetwas essen muss, empfahl er reichlich Kohlenhydrate. Und weil es nicht ganz ohne Fett geht, sollten alle Amerikaner zumindest zu Low-Fat-Produkten greifen.

Praktisch alle nationalen und internationalen Ernährungsinstitutionen orientierten sich daraufhin an den Vorgaben aus den Vereinigten Staaten, die in den folgenden Jahren nur leicht modifiziert wurden. Auch die DGE folgte mit ihren Regeln dem amerikanischen Vorbild.

Die Konsumenten aßen einfach nur mehr von dem Zeug

In der Nahrungsmittelindustrie war man darüber nicht gerade unglücklich. Die Firmen bekamen eine Ernährungskompetenz zugewiesen, die zuvor Köchen, Bauern, Müttern und Omas vorbehalten gewesen war. Um schmackhafte Low-Fat-Alternativen zu entwickeln, war moderne Lebensmitteltechnik und -chemie nötig. Die Konzerne konnten solche Produkte zu Premium-Preisen anbieten, obgleich ihre Herstellung sogar kostengünstiger war: Pflanzenfett ist billiger als Butter, und kalorienarme Produkte sind billiger als energiereiche. Denn Energie kostet Geld, nicht nur an der Tankstelle, sondern auch auf dem Feld und im Stall.

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