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Pandemiefolgen : Forschungsnot bei Long- und Post-Covid

An der Uniklinik Marburg gibt es eine der wenigen Long-Covid-Ambulanzen. Bild: Ilkay Karakurt

Die Folgen der Corona-Infektionen sind kaum abzusehen, Spezialisten sprechen von einer Volkskrankheit. Doch statt Wissenslücken zu schließen, lähmen Bürokratie und Informationsdefizite das System.

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          Einer der nobelsten Sätze, die in der Not der Pandemie geboren und von Politikern dankbar verbreitet wurden, weckte zugleich die schönsten Assoziationen: Wir müssen vor die Welle kommen. Geschafft haben wir es bedauerlicherweise bis heute nicht. Alle laufen ständig hinterher. Sicherheit gibt es keine. Mittlerweile sind wir auch mit der großen Menge an klinischen Corona-Spätfolgen da angekommen, wo wir mit den Viruswellen vor zwei Jahren waren: Wir „struggeln“, wie das im Jugend- und Spezialistenjargon heißt.

          Auf dem ersten deutschen Long-Covid-Kongress vergangene Woche in Jena jedenfalls kreisten die Spezialisten aus den unterschiedlichsten medizinischen und wissenschaftlichen Sphären um das Phänomen, das einige schon wegen möglicherweise (aber unbestätigten) Millionen Betroffenen im Land zur „neuen Volkskrankheit“ erklären und andere nicht ernst zu nehmen bereit sind, solange Long- und Post-Covid nicht in jedem Fall messbar sind. Auf der Jahrestagung der Neurologen war Ähnliches zu beobachten. Als „forschungsmäßiger Notfall“ be­schreibt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach die Lage.

          Forschungs-, Informations- und Desinformationsnotstand

          Im Klartext heißt das: schnell handeln trotz Unsicherheit. Einige Studien sind auf dem Weg, doch die bürokratischen Hürden dafür sind gewaltig. Nichts hat sich gebessert. Statt Aufklärung gibt es deshalb vor allem Klagen. Zum Forschungsnotstand kommt der Informations- und Desinformationsnotstand – eine Kausalkette der Aussichtslosigkeit: Viele Hausärzte, an die sich die völlig überlasteten, oftmals zutiefst verzweifelten Long-Covid-Kranken meist zuerst wenden, sind schlecht oder gar nicht mit dem Krankheitsbild vertraut. Wie denn auch?

          Die Folge: Die Leidenden werden psychologisiert, stigmatisiert oder ihre Qualen im schlimmsten Fall geleugnet – medizinisch entkernt gewissermaßen. Long-Covid wird damit, je mehr Menschen sich infizieren, zur gesundheits- und forschungspolitischen Nagelprobe. Es ist wie bei ME/CFS – dem verwandten chronischen Erschöpfungssyndrom: Der Fortschritt droht verschleppt zu werden. Die meisten von uns ahnen nicht, welche Spätfolgen nach Virusinfekten – postviral – möglich sind. Wenn allerdings schon Medizinstudenten seit Jahrzehnten kaum etwas darüber erfahren, gibt es nur eins: Handeln.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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