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Listeriose in der Schwangerschaft : Ein unterschätzter Keim im Essen

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Viele Schwangere fürchten, sich durch Lebensmittel mit Listeriose zu infizieren. Amerikanische Mediziner einigten sich nun auf ein stringentes Therapieschema, wie mit Verdachtsfällen verfahren werden soll.

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          Es ist mehr als nur ein hysterischer Unterton, der sich in Internetforen für Schwangere einschleicht, wenn es um die Lebensmittelinfektion Listeriose geht. Die Überschriften der Beiträge zu diesem Thema reichen von „Was esst Ihr noch?“ bis hin zu „Angst! Habe Camembert gegessen“. Liest man sich durch die großen Mengen an Texten, wird deutlich, wie groß die Unsicherheit ist: Eine Infektion mit dem Bakterium Listeria monocytogenes kann Fehlgeburten oder schwere Schäden beim Neugeborenen auslösen. Die Lebensmittel, die im Verdacht stehen, des Öfteren mit Listerien belastet zu sein, sind aber so gängig, dass beinahe jede Schwangere damit in Berührung kommt, ohne es zu wollen - und im Nachhinein nicht weiß, wie gefährdet sie und das Ungeborene nun sind.

          Listerien kommen insbesondere in und auf unzureichend gegartem Fleisch, Räucherfisch, Rohmilchkäse oder rohem Obst und Gemüse vor. Doch auch gegarte und wieder gekühlte Produkte können betroffen sein. „Listerien sind klassische Produktions- und Postproduktionskeime“, erklärt Hendrik Wilking von der Abteilung für Infektionsepidemiologie des Robert Koch-Instituts (RKI). „Auch in Brühwürstchen und pasteurisiertem Käse, also Lebensmitteln, die schon einmal erhitzt worden sind, wurden sie schon gefunden.“

          Fast fünfzig Prozent Frühgeburten

          Gerade erst starben in Dänemark zwölf Menschen an mit Listerien verseuchten Fleisch- und Wurstwaren, wie im August bekannt wurde. Die Keime nutzen das Aktinskelett von Zellen für ihre Fortbewegung und entfalten daher große zerstörerische Kraft. Sie können insbesondere bei immungeschwächten Menschen, Schwangeren und Föten Meningitis und Sepsis hervorrufen und diverse Organsysteme befallen. Zwölf Prozent aller Schwangeren, die sich infizieren, erleiden eine Fehlgeburt, fast die Hälfte eine Frühgeburt, belegen Daten des Robert Koch-Instituts. Das Institut hat Therapieempfehlungen herausgegeben, die vor allem auf einer Antibiotikabehandlung fußen. Ob wirklich eine Infektion vorliegt, ist aber häufig unklar, auch wenn befallene Produkte, die womöglich von Rückrufaktionen betroffen sind, verzehrt wurden. Das zuständige Komitee des American College of Obstetricians and Gynecologists, des Zusammenschlusses der Experten für Geburtshilfe und Gynäkologie in den Vereinigten Staaten, hat jetzt Empfehlungen veröffentlicht, wie in Fällen zu verfahren ist, in denen nur der Verdacht besteht, dass eine Schwangere mit Listerien belastete Lebensmittel verzehrt hat, etwa Produkte, die von Rückrufaktionen betroffen sind („Obstetrics & Gynecology“, doi:10.1097/01.AOG.0000453542.64048.92).

          Häufig unter Verdacht: Räucherfisch
          Häufig unter Verdacht: Räucherfisch : Bild: ZB

          Schwangere in einer solchen Situation sollen demnach mindestens zwei Wochen lang mit dem Antibiotikum Ampicillin behandelt werden, wenn sie grippeähnliche Symptome wie Muskelschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und zusätzlich höheres Fieber als 38,1 Grad Celsius zeigen. Bei einer Penicillinallergie soll Trimethoprim mit Sulfamethoxazol verwendet werden. Gleichzeitig ist aus Blutproben der Patientin eine Kultur anzulegen, um die Keime eindeutig nachzuweisen. Schwangere, die zwar kontaminierte Produkte gegessen haben, aber lediglich Grippesymptome ohne Fieber zeigen, sollen zunächst beobachtet werden. Haben werdende Mütter Produkte, die mit Listerien belastet sind, verzehrt, ohne Symptome zu zeigen, soll auf eine Behandlung und Tests verzichtet werden.

          Auch Transplantierte sind gefährdet

          Auch in Deutschland bekommt die Listeriose in der jüngeren Vergangenheit mehr Aufmerksamkeit. Beim RKI wertet man gerade eine Fall-Kontroll-Studie aus, für die Erkrankte mit Nichterkrankten im Hinblick auf Essverhalten und sonstiges Verhalten verglichen wurden. Jährlich treten etwa 300 Fälle auf, in den Jahren 2005/2006 und 2012/2013 kam es zu einem auffälligen, ungeklärten Anstieg auf weit mehr als 500 beziehungsweise mehr als 400 Infektionen.

          Etwa sechs Prozent der Fälle lassen sich einer Schwangerschaft zuordnen, doch die Dunkelziffer ist vermutlich hoch: In Studien über das Auftreten der Krankheit in Frankreich und Indien wurde bei etwa drei Prozent aller untersuchten Fehlgeburten Listerien in Proben von Mutter oder Fötus gefunden. Listeriose soll bei Schwangeren dreizehnmal so häufig auftreten wie beim Rest der Bevölkerung. Beim RKI beobachtet man in der jüngeren Vergangenheit besonders intensiv alte Menschen und Patienten nach einer Transplantation. „Beide Gruppen wachsen, zudem wissen sie kaum über Listeriose Bescheid“, sagt Wilking. Das heißt, sie vermeiden riskante Lebensmittel weniger sorgfältig, als es beispielsweise Schwangere tun.

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