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Leichenverwertung : Alles muss raus

  • -Aktualisiert am

Die Verwertung wird zunehmend effizienter organisiert: ein Seziertisch Bild: F.A.Z. / Stefan Dietz

Die Verwertung von Organen und Geweben Verstorbener ist ein expandierender Medizinsektor mit großem ökonomischen Potential. Doch er wirft auch viele Fragen über die richtigen Vorgehensweisen und die notwendigen rechtlichen Regelungen auf.

          Peter Oberender liebt die Provokation. Schon seit Jahren fordert er eine Art Ebay-Auktionshandel für Organe mit weltweit im Internet tätigen Agenten für Akquise und Vermittlung von Körperteilen. Kürzlich hat der emeritierte Ökonom aus Bayreuth ein neues Interessengebiet entdeckt: die Gewebetransplantation.

          Auch die Gewebe eines Verstorbenen solle man behandeln wie eine Ware, findet Oberender. Zwar habe der Tote selbst nichts mehr davon, aber womöglich seine Angehörigen. "Wie ich eine Immobilie vererben kann, kann ich auch meinen Körper vererben." Ob Angehörige dieses Erbe ausschlagen oder nutzen wollen, bleibe ihnen überlassen: "Die einen werden sagen, jetzt verkaufen wir die Leiche pauschal, die anderen werden sagen, wir verkaufen nur die Augen." Dass die Kommerzialisierung von Körperteilen hierzulande verboten und international geächtet ist, hält Oberender für eine Doppelmoral. Dem Bürger werde gesagt, tue was Gutes und spende freiwillig. Aber später handelten Firmen mit dessen Knochen.

          Medizinsektor mit Potential

          Ungeachtet seiner provokanten Thesen ist Oberender Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG), die am Freitag vergangener Woche zu einer Expertentagung nach Berlin lud. Dass diese gemeinnützige GmbH ausgerechnet Oberender berufen hat, ist bezeichnend für einen Medizinsektor mit enormem ökonomischen Potential und hohen Zuwachsraten: Die menschliche Leiche gilt als Schatz des 21. Jahrhunderts. Würde man sämtliche verwertbaren Teile eines Leichnams verkaufen, käme man in den Vereinigten Staaten leicht auf einen Erlös von 250 000 Dollar. Dort erzielt die Gewebebranche inzwischen einen Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Dollar.

          Nahezu alle Teile des menschlichen Körpers lassen sich nach dem Tod verwerten: Herzklappen, Augenhornhäute, Gehörknöchelchen, Knochen, Sehnen, Muskelhüllen, Haut und Leberzellen. Anders als Organe werden Gewebe jedoch selten unmittelbar verpflanzt, sondern mehr oder weniger aufwendig verarbeitet oder sogar zu Tissue-Engineering-Produkten veredelt. Manche dieser Transplantate dürfen anschließend gehandelt werden wie die Pillen der Pharmaindustrie. Nicht alle Produkte werden für medizinisch notwendige Zwecke genutzt. Das injizierbare Kollagenpräparat Cymetra aus zerkleinerten Hautbestandteilen ist beispielsweise in der Schönheitschirurgie beliebt, um Falten zu unterspritzen oder Lippen aufzufüllen.

          Straffes Management

          Von all dem ahnen die meisten Bundesbürger wenig. Dabei ist jeder ein potentieller Spender, und die Leichenverwertung wird zunehmend professioneller organisiert. Zum Beispiel am Rechtsmedizinischen Institut der Universitätsklinik Hamburg. Das dort installierte Projekt Gewebespende könnte zum Modell für Deutschland werden. Bereits Ende der 1970er Jahre lieferte das Institut verschiedenen Pharmafirmen "Dura mater", also harte Hirnhaut - ganz im Stil der Zeit oft ohne die explizite Zustimmung der Angehörigen. Später entnahmen die Rechtsmediziner auch Gehörknöchelchen, Rippenknorpel und Augenhornhäute und achteten nunmehr darauf, dass Angehörige in die Spende einwilligen. Seit 2006 agiert das Institut als Betriebsstätte eines gemeinnützigen Herstellers von Zell- und Gewebeersatz mit Sitz in Berlin. Nun werden auch Knochen, Sehnen, Muskelhüllen und Hautstreifen von Leichen gewonnen. Selbst 90jährige kommen noch als Spender infrage: Ihre porösen Knochen werden zu einer Paste verarbeitet, die in der Wirbelsäulenchirurgie eingesetzt wird. Für einen Kubikzentimeter dieser biologischen Modelliermasse wurde vom Berliner Produzenten im vergangenen Jahr eine Aufwandsentschädigung von rund 215 Euro in Rechnung gestellt.

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