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Lebensmittel-Psychologie : Sie essen ungesund? Ihr Problem ist therapierbar

Rohes Gemüse braucht keinen Gesundheitsbonus, es hat ihn heute schon. Bild: dpa

Die Regierung will ungesunde Kost nicht brandmarken. Das Gegenteil wäre medizinisch angesagt. Was also zu tun ist gegen die süßen Verlockungen? Schlechte Esser für krank erklären und ein spezielles Hirntraining anordnen. Das funktioniert.

          Gesunde Ernährung bleibt Privatsache. Der Staat will sich weiter zurückhalten. Keine Zuckersteuer, kein Stempel auf Ungesundes, keine Lebensmittelampel, nichts, was der Industrie weh tun könnte. Das ist kurz gesagt das, was am Wochenende über die „Nationale Strategie für die Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten“ vorab aus Kreisen der Bundesregierung bekannt wurde.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ein paar Vorschriften für kleinere Portionen, die „Reformulierung“ von salz- und zuckerhaltigen Lebensmitteln, dazu „von der Wirtschaft finanzierte Aufklärungskampagnen“, dies zusammen soll der „Wirtschaftswoche“ zufolge an politischen Maßnahmen genügen, das Volk auf den rechten Ernährungspfad zu bringen.

          Das ist wenig und kaum das, was Mediziner wie Ernährungsexperten meinten, als sie anfingen, die grassierende Übergewichtsmisere öffentlich zu brandmarken, und laut forderten: Jetzt ist die Politik gefragt. Denn die Fakten sind lange schon unstrittig. Ungesunde Ernährung und Übergewicht durch Überkonsum und minderwertige Lebensmittel sind zwei der wichtigsten Ursachen für vermeidbare Krankheiten.

          Orientierung im Supermarkt soll nicht einfacher werden.

          Fast zwei Drittel der Männer und gut die Hälfte der Frauen im Land sind übergewichtig, ein gutes Viertel fettleibig. Damit steht Deutschland zwar alles andere als allein da, das Wohlstandselend geht auch an einer Feinschmeckernation wie Frankreich nicht spurlos vorbei. Aber immerhin ist man dort mit neuen Ansätzen schon weiter, so etwa mit dem (für die Industrie freilich freiwilligen und von 60 Unternehmen eingeführten) Nutri-Score, mit dem gesunde Lebensmittel von ungesunden Lebensmitteln auf einer Skala von Grün bis Rot gekennzeichnet werden.

          „Verhaltenssteuer“ in Frankreich

          Wo immer Kennzeichnungen wie diese auftauchen, wird ihr Nutzen angezweifelt. Nicht anders ist es mit der Zuckersteuer. In Großbritannien, wo schon vor zwölf Jahren die „Ampel“ eingeführt wurde, ist die Kalorien-Epidemie tatsächlich nicht weniger dramatisch als hier. Auch Frankreichs „Verhaltenssteuer“, wie der Neurologe und Mitglied der Nationalversammlung in Paris, Olivier Véran, die vor einem Jahr geänderte Steuer auf alkoholfreie Getränke laut wissenschaftlichem Dienst des Bundestages bezeichnete, muss erst noch zeigen, dass sie wirklich wirkt.

          Die Empirie ist dürftig, und damit ist sie umgekehrt proportional zu den Aktivitäten der Lobbyisten. Wenn es nach ihnen geht, gehört das Ernährungsverhalten weiter dem freien Spiel und den Verlockungen der Märkte überlassen. An ihnen prallt bisher alles ab. Auch die zaghaften Versuche, den Konsumenten durch gezielte, unterschwellige Anreize, durch Nudging etwa, in Richtung gesunde Ernährung zu lotsen. Fast schon amüsieren kann man sich deshalb über Studien wie jene aus den aktuellen „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften, in denen das ungesunde Ernährungsverhalten endgültig pathologisiert wird. Ungesundem Essverhalten, meinen die Psychologen aus Yale, lasse sich therapeutisch und präventiv beikommen, und zwar durch eine kognitive Verhaltenstherapie. Psychotherapie für alle Esser.

          Stark zuckerhaltige Getränke bleiben weiter ohne Gesundheitsmalus.

          Immerhin: Ihr Therapieplan, die Willenskraft der Konsumenten und die Selbstkontrolle gezielt zu stärken, scheint im Experiment zu funktionieren, selbst bei den oft als willenlos abgestempelten Fettleibigen. Kognitiv trainiert wird schon vor dem Einkaufen. Und gezielt heißt: sich Zeit nehmen und systematisch mit Bildern die Vorteile gesunden Essens vergegenwärtigen, ebenso die – auch langfristigen – Nachteile ungesunden Essens.

          Das bloße Lesen gutgemeinter Aufklärungsschriften hatte im Experiment jedenfalls null Wirkung. Fazit der Studie mit fast anderthalbtausend Teilnehmern: Gesund essen lässt sich lernen, indem man sich den Essensverstand einbleut und das Gehirn mit den richtigen Argumenten füttert – ganz so, wie man sich das Schnitzel bratfertig zurechtklopft. Jedenfalls scheint die Verhaltenstherapie aus Yale auch mit Online-Programmen zu funktionieren.

          Nur, wie nachhaltig die Intervention wirkt und wie sich damit die Versuchungen im Alltag unterdrücken lassen, lässt sich nach diesen Versuchen kaum sagen. Nur eines scheint klar: Die Verantwortung liegt beim psychopathologischen Ansatz eindeutig beim Konsumenten. Industrie und Politik sind wieder fein raus – es sei denn wenigstens der Staat oder die Kassen würden durch den unwahrscheinlichen Fall der Kostenübernahme eine Mitverantwortung für die Ernährungsmisere anerkennen.

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