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Langzeitüberleben nach Krebs : Heilung bis auf Widerruf

  • -Aktualisiert am

Mit einer Magnetresonanz-(MR)-Mammographie ist ein winziger Tumor in der Brust einer Patientin darstellbar Bild: dpa

Viele Krebspatienten überleben Jahrzehnte. Die Spätfolgen sind belastend, doch kaum erforscht. Mediziner diskutieren jetzt Konzepte für die Nachsorge.

          Nach den neuesten Hochrechnungen des Robert-Koch-Instituts in Berlin werden in diesem Jahr 486 000 Menschen in Deutschland an Krebs erkranken. Das sind 1331 Neuerkrankungen pro Tag. Viele werden die Krankheit aufgrund der guten Behandlungsmöglichkeiten um Jahre und Jahrzehnte überleben. Das Robert-Koch-Institut geht derzeit von 2,1 Millionen Menschen aus, bei denen die Diagnose schon mehr als zehn Jahre zurückliegt. Die Medizin spricht nüchtern von Langzeitüberlebenden. Aber sind diese Menschen tatsächlich geheilt, oder leiden sie stärker als bisher wahrgenommen unter den Spätfolgen und den seelischen Belastungen ihrer überstandenen Krebserkrankung? Der diesjährige Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden hat versucht, eine Antwort auf diese Frage zu geben.

          Georgia Schilling vom Hubertus-Wald-Tumorzentrum an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf vertrat die Ansicht, dass die mittel- und langfristigen Konsequenzen stärker in den Blick genommen werden müssen. „53 Prozent der Langzeitüberlebenden berichten über Gesundheitsprobleme“, sagte die Onkologin in Wiesbaden, „49 Prozent klagen über nichtmedizinische Probleme. Für viele ist die Krankheit nach fünf Jahren Tumorfreiheit nicht zu Ende.“ Schilling nannte eine ganze Reihe von möglichen Spätfolgen. Einige Zellgifte aus den Chemotherapien schädigen das Herz, die Lunge, die Niere, das Hormonsystem und den Magen-Darm-Trakt, so dass mit Folgeerkrankungen an diesen Organen zu rechnen ist. Die neuen biologischen Therapien müssen zum Teil über Jahre hinweg eingenommen werden, was die Krebstherapie zu einer chronischen Behandlung macht. Über deren Spätfolgen ist noch wenig bekannt, weil viele Biologika erst seit ein paar Jahren eingesetzt werden. Auch die Strahlenbehandlung oder die Operation kann zu Spätschäden führen. Je nach Tumor setzt bei Frauen die Menopause früher ein. Viele Patienten entwickeln eine Osteoporose, eine chronische Müdigkeit, Knochen- oder Phantomschmerzen, Taubheitsgefühle, Sensibilitätsstörungen und Missempfindungen oder können keine Kinder mehr bekommen. Es können auch Zweittumore auftreten, die entweder auf die ursprüngliche Behandlung zurückgehen oder wegen des fortschreitenden Alters neu hinzukommen. Nicht zu unterschätzen seien auch die psychosozialen Folgen einer überstandenen Krebserkrankung, sagte Georgia Schilling in Wiesbaden. Viele Patienten leben in ständiger Angst vor einem Rückfall und seien nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Einige müssen auch mit Einbußen beim Gedächtnis, der Konzentration, der Lernfähigkeit und der Koordination zurechtkommen.

          Vielfältige Folgen

          Frauen, die zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr wegen einer Krebserkrankung behandelt worden sind, haben zudem seltener Kinder als Frauen ohne eine Tumorerkrankung in der Biographie. Entweder haben sie ihre Fruchtbarkeit durch die Behandlung verloren oder sie fühlen sich nicht mehr stark und gesund genug, um Kinder großzuziehen. Eine Krebserkrankung stellt also auch den Lebensentwurf in Frage. Schilling berichtete zudem, dass doppelt so viele Krebspatienten wegen einer Depression behandelt werden müssen wie Menschen gleichen Alters ohne Krebs. Auch das Gesundheitsverhalten scheint wenig ausgeprägt zu sein. „Bei einer Befragung bezeichneten 36 Prozent der Langzeitüberlebenden ihren Gesundheitszustand als schlecht“, sagte die Onkologin in Wiesbaden. „58 Prozent sind übergewichtig, 23 Prozent rauchen, 82 Prozent essen nicht die empfohlenen Mengen an Obst und Gemüse, und nur jeder Zweite treibt regelmäßig Sport.“

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