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Langzeitstudie : Was wurde aus den ersten Frühchen?

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Die neonatale Intensivmedizin hat sich seit den frühen achtziger Jahren deutlich weiterentwickelt. Bild: dpa

Eine Langzeitstudie untersucht seit fast vierzig Jahren Menschen, die zwischen 1977 und 1982 als Frühchen geboren wurden. Bis heute haben viele mit Beeinträchtigungen zu kämpfen.

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          Wenn eine Mutter ein extrem früh geborenes Kind zur Welt bringt, interessiert die Eltern vor allem eines: Wie wird sich unser Kind entwickeln, und wird es ein selbständiges Leben führen können? Die Kanadierin Saroj Saigal von der McMaster Universität in Hamilton, Ontario, begleitet seit nahezu vierzig Jahren den Lebensweg von Menschen, die zwischen 1977 und 1982 mit weniger als 1000 Gramm und vor der 30. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen sind.

          Sie hat soeben ihre neuesten Erkenntnisse über das Schicksal der Betroffenen veröffentlicht („Jama Pediatrics“, doi: 10.1001/jamapediatrics.2016.0289). Saigal hat mit hundert Betroffenen gesprochen und ihnen Fragebögen vorgelegt.

          Dabei zeigte sich, dass die extrem frühe Geburt medizinische Schatten bis ins vierte Lebensjahrzehnt wirft. Die Männer und Frauen haben zwar ähnliche Bildungsabschlüsse gemacht wie eine Vergleichsgruppe mit normaler Geburt, sie pflegen ähnlich gute Beziehungen, sind aber seltener beschäftigt, verdienen weniger, sind öfter Single, haben seltener Kinder, zeigen weniger Selbstbewusstsein, brauchen eher Unterstützung und haben mehr gesundheitliche Probleme.

          Die Extrem-Frühgeborenen verdienen im Durchschnitt etwa 20.000 kanadische Dollar pro Jahr weniger als die Männer und Frauen der Vergleichsgruppe. Zwanzig Prozent der Extrem-Frühgeborenen haben auch noch keine sexuelle Beziehung gehabt. Von den 89 Vergleichspersonen trifft dies nur auf zwei zu. Aus früheren Untersuchungen ist bekannt, dass Extrem-Frühgeborene später sexuell aktiv werden und länger bei den Eltern wohnen.

          Seh- und Hörstörungen

          Von den Extrem-Frühgeborenen bezeichnen sich zudem mehr als lesbisch, homo- oder bisexuell als in der Vergleichsgruppe. Unterschiede gibt es auch beim Suchtverhalten, wobei die Extrem-Frühgeborenen seltener suchtkrank sind als die Vergleichsgruppe. Saigal und ihre Kollegen räumen allerdings ein, dass die Gruppen zu klein sind, um daraus weitreichende Schlussfolgerungen ziehen zu können.

          Zu den gesundheitlichen Problemen der Extrem-Frühgeborenen zählen unter anderen Seh- und Hörstörungen. 28 Prozent haben Lernschwierigkeiten, in der Vergleichsgruppe nur zwei Prozent. Auch die Zahl der psychischen Erkrankungen ist höher. Jeder fünfte Extrem-Frühgeborene hat zudem neurosensorische Störungen. Dazu zählt die sogenannte Zerebralparese, die Bewegungsstörungen verursacht.

          Viele der von Saigal und ihren Kollegen protokollierten Unterschiede haben offensichtlich mit genau dieser Beeinträchtigung zu tun, denn befragt man nur die Extrem-Frühgeborenen ohne neurosensorische Störungen, sind einige Befunde nicht mehr signifikant. Zum Beispiel gibt es dann keinen Unterschied mehr bei der Beschäftigung, beim Unterstützungsbedarf, beim Familienstand und bei der Elternschaft. Allerdings blieben die Unterschiede beim Einkommen, beim Selbstbewusstsein, bei den Gesundheitsproblemen, beim Suchtverhalten und bei den sexuellen Erfahrungen bestehen.

          Siebte Momentaufnahme

          Saigals aktueller Bericht ist ihre siebte Momentaufnahme. Sie hat die Extrem-Frühgeborenen bereits bei der Geburt, im Alter von drei, fünf und acht Jahren sowie in der Pubertät und im jungen Erwachsenenalter untersucht. Seit dem achten Lebensjahr wird auch die Vergleichsgruppe mitberücksichtigt.

          Während sich die Extrem-Frühgeborenen in den ersten Lebensjahren mit Verzögerung entwickelten, sah es beim Übergang zum Erwachsenenalter so aus, als ob sich die Unterschiede ausgeglichen hätten. Die aktuelle Momentaufnahme dokumentiert wieder eine größere Diskrepanz.

          Frühzeitig unterstützen

          Als mögliche Gründe nennt Saigal, dass einige Entwicklungen mit Anfang zwanzig vielleicht noch nicht abzusehen gewesen seien. Außerdem hätten sich die Bedingungen am Arbeitsmarkt verschärft, so dass es schwieriger geworden sei, erwerbstätig zu sein. Trotzdem würden die meisten Extrem-Frühgeborenen ein selbständiges Leben führen und seien gesellschaftlich gut integriert.

          Die kanadischen Wissenschaftler mahnen an, dass weitere Langzeituntersuchungen nötig sind. Die neonatale Intensivmedizin hat sich seit den frühen achtziger Jahren deutlich weiterentwickelt. Die Kinder, die heute mit einem sehr geringen Geburtsgewicht zur Welt kommen, haben vielleicht andere Problemen als die kanadische Gruppe. Es sei wichtig wahrzunehmen, wie sich diese Kinder im Verlauf ihres Lebens entwickeln werden, um sie frühzeitig unterstützen zu können, schreibt Saigal. Ein Video mit Interviews der kanadischen Gruppe ist unter www.saigalpreemievoices.com zu sehen.

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