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Kurzsichtige Kinder : Sehen braucht Sonne

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Ein weiterer Risikofaktor ist neben einer genetischen Veranlagung aber eindeutig die Naharbeit. Muss sich das Auge auf Gegenstände in der Nähe konzentrieren und geschieht dies womöglich noch bei schlechter Beleuchtung, ist das für die Sehzentren im Gehirn ein umso größerer Anreiz, den Augapfel zum Längenwachstum anzuregen. Kurzsichtigkeit ist nämlich letztlich darauf zurückzuführen, dass der Augapfel, gemessen an der Brechkraft des Auges, zu lang ist. So schaffen es die gekrümmten Oberflächen von Hornhaut und Linse nicht mehr, die Lichtstrahlen eines Bildes exakt auf die Ebene der Netzhaut am hinteren Teil des Augapfels zu bündeln. Lesen ist ein Paradebeispiel für Naharbeit, weshalb sich die Kurzsichtigkeit auch meist in den ersten Schuljahren manifestiert: Nachdem der Augapfel im Alter von etwa vier Jahren fast ausgewachsen ist, stellt in westlichen Ländern vor allem das Lesen den Hauptanreiz für ein weiteres Längenwachstum des Augapfels dar. Das begünstigt daher speziell auch in asiatischen Ländern die Myopie-Epidemie. Der Wunsch nach Aufstieg durch Bildung ist dort derart ausgeprägt und verbreitet, dass die Kinder bereits von der ersten Schulklasse an so gut wie nur drinnen lernen und damit meist hinter Büchern hocken.

Arbeiten am Tablet schadet

Dass inzwischen nicht nur das Lesen, sondern auch das Arbeiten an Computern, Tablets und Smartphones eine myop machende Konzentration auf kurze Entfernung und kleine Schrift erfordert, macht die Sache für die junge Generation nicht besser. Taiwan bestraft seit kurzem Eltern mit erheblichen Geldstrafen, wenn sie dem ungebremsten Konsum von „electronic devices“ ihrer Kinder nicht Einhalt gebieten. Das Gesetz stellt erstmals die krankmachende Nutzung elektronischer Medien ebenso unter Strafe wie Rauchen oder Betelnuss-Kauen von Kindern. Eine Maßnahme, die illustriert, wie verzweifelt in diesen Ländern die Politik bereits reagiert.

Da auch hierzulande die allermeisten Eltern von kurzsichtigen Schulkindern vor der Herausforderung, sie zwei oder drei Stunden an die frische Luft zu verfrachten, kapitulieren dürften, sind andere Behandlungsoptionen gefragt. „Niedrig konzentrierte Atropin-Augentropfen hemmten die Verschlimmerung einer Kurzsichtigkeit in einer asiatischen Studie nachweislich“, erläutert Lagrèze, „aber dazu benötigt man Augentropfen mit einer Atropinkonzentration von 0,01 Prozent, die so nicht kommerziell vertrieben werden. Solche Augentropfen werden mit Rezepturanweisung in einigen Apotheken speziell hergestellt“, erklärt er. Die niedrige Konzentration gewährleistet, dass Atropin die Pupillen nicht weit stellt, was die Kinder sonst lichtempfindlich machen würde, auch die Akkommodationsfähigkeit, die Fähigkeit des Auges, von Nah- auf Fernsicht umzuschalten und umgekehrt, bleibt so erhalten. Aber der Gebrauch ist off-label, es gibt keine Zulassung für diese Art der Verwendung, langfristige Beobachtungsstudien mit großen Kollektiven von Kindern, die über viele Jahre solche Augentropfen erhielten, fehlen ebenfalls.

Eine weitere Option sind speziell für die Bedürfnisse myoper Kinder gefertigte Brillen (MyoVisionTM). Ihre Besonderheit liegt darin, dass sie die Lichtstrahlen nicht nur auf den zentralen Punkt des Sehens der Netzhaut bündeln, sondern auch zusätzlich auf die übrigen, peripheren Anteile der Netzhaut. Das können herkömmliche Linsen nicht. Diese Brillen werden zwar von dem deutschen Unternehmen Zeiss hergestellt, sind aber hier nicht erhältlich. Sie sind laut Auskunft des Unternehmens auf den südostasiatischen Markt zugeschnitten, wurden dort im Rahmen einer Studie mit 210 Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren geprüft („Optometry & Vision Science“, Bd. 87(9), S. 631) und werden weder in Europa noch in den Vereinigten Staaten vertrieben.

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