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Künstliche Befruchtung : Einer soll genügen

Mehrlinge bergen schon während der Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko für Mutter und Kinder - und auch nach der Geburt sind die gesundheitlichen Risiken groß Bild: picture-alliance/ dpa

Eine Schwangerschaft mit mehreren Kindern gefährdet das Leben von Mutter und Nachwuchs. Bei der künstlichen Befruchtung geht der Trend deshalb neuerdings zum einzelnen Embryonen-Transfer. Für Skandinavier ist das ein alter Hut, sie haben damit längst großen Erfolg.

          Engel sind sie alle acht, ohne Ausnahme. Nadya Suleman brachte sie am 26. Januar 2009 auf einen Schlag zur Welt. Sie nannte ihre Neugeborenen Noah, Isaiah oder Jeremiah und gab jedem außerdem den Namen Angel.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tatsächlich ist es ein kleines Wunder, dass alle Achtlinge überlebt haben und sich bisher recht gut entwickeln. Und es ist einem Team aus 46 Ärzten am Kaiser Permanente Bellflower Medical Center in Kalifornien zu verdanken, das die Kinder neun Wochen vor dem Geburtstermin per Kaiserschnitt entbinden musste. Ihr medizinisches Können brachte glücklich zu Ende, was seriöse Reproduktionsmediziner eigentlich von vornherein vermeiden würden: eine komplizierte Mehrlingsschwangerschaft nach einer In-vitro-Fertilisation (IVF).

          In Skandinavien schon gang und gäbe

          „Das Ziel einer IVF-Behandlung ist für mich eine Schwangerschaft mit einem Kind“, sagt Klaus Diedrich, Direktor der Universitätsfrauenklinik in Lübeck. Weniger ist für den Reproduktionsmediziner in jedem Fall mehr: „Eine Schwangerschaft mit Mehrlingen birgt große Gefahren für die werdende Mutter - wie etwa Diabetes oder Bluthochdruck - und vor allem für ihre meist zu früh geborenen Kinder.“ Dabei kann sich jeder eingesetzte Embryo theoretisch noch zu einem eineiigen Zwilling oder Drilling entwickeln. Achtlinge könnten auf diese Weise kaum entstehen.

          Reproduktionsmediziner in Skandinavien können zwischen verschiedenen Embryonen auswählen - ein Vorteil gegenüber deutschen Kollegen

          Einige Länder geben deshalb schon seit Jahren einem IVF-Verfahren den Vorzug, das die Risiken und die damit einhergehenden Kosten für Behandlung und Nachsorge minimiert: dem Single-Embryo-Transfer. Vor allem in Skandinavien und Belgien hat sich diese Methode durchgesetzt. Jeder Patientin wird möglichst nur ein einzelner künstlich gezeugter Embryo in die Gebärmutter eingesetzt. „Wir behandeln rund 70 Prozent aller Frauen auf diese Weise“, sagt Hannu Martikainen, Leiter der Reproduktionsmedizin an der Universitätsklinik in Oulu, Finnland. Der Single-Transfer sei in Finnland so gut etabliert, dass es Frauen schon sehr irritiere, wenn man ausnahmsweise vorschlage, doch zwei Embryonen einzusetzen. Ganz andere Erfahrungen haben Ärzte in Deutschland gemacht, wo Frauen häufig fordern, die gesetzliche Höchstgrenze von drei Embryonen auszureizen - aus Angst, die teure IVF-Behandlung könne sonst misslingen; schließlich übernehmen die Kassen nur die Hälfte der Kosten und schränken die Zahl der Behandlungszyklen ein.

          Weniger Risiken für Mutter und Kind

          Martikainen verzichtet dagegen selbst bei älteren Frauen darauf, mehrere Embryonen gleichzeitig zu verpflanzen. Dabei sind seine Patientinnen bis zu 40 Jahre alt. Das höhere Alter erschwert die Empfängnis. „In unseren Vergleichsstudien mit verschiedenen Altersgruppen konnten wir aber keinen signifikanten Unterschied bei der Erfolgsrate feststellen“, erklärt der Gynäkologe. Die Frauen vertrauen vielleicht auch deshalb dem Single-Transfer, weil das finnische Gesundheitssystem den Großteil der Behandlungskosten trägt.

          Ohne den Schwangerschaftserfolg zu senken, konnte so das Risiko für Zwillings- und Drillingsgeburten deutlich herabgesetzt werden: „Ihr Anteil liegt bei uns in Oulu nur bei sieben bis acht Prozent“, sagt Martikainen. In Europa beträgt der Durchschnittswert für IVF-Zwillinge immer noch etwa 22 Prozent. Das entspricht ungefähr der deutschen Mehrlingsquote bei künstlichen Befruchtungen und auch der in Großbritannien.

          Auch Großbritannien zieht mit

          Das soll sich im Vereinigten Köngreich jedoch bald ändern. In den kommenden drei Jahren will die zuständige Behörde, die Human Fertilisation Embryology Authority (HFEA), den Anteil von Mehrlingsgeburten auf zehn Prozent senken. Die britischen Kliniken werden deshalb angehalten, eine eigene Strategie für die „Multiple Births Minimisation“ zu entwickeln. Neben den Risiken für Mutter und Kind soll diese Anfang 2009 gestartete Politik auch die Kosten senken. Allein für Geburt und Pflege im ersten Lebensjahr können sie drei- bis zehnmal höher liegen als bei einer Einzelgeburt, rechnete der HFEA-Vertreter Alan Doran im Februar vor.

          Eine der Empfehlungen an die Ärzte wird in Großbritannien künftig der „elective Single-Embryo-Transfer“ sein, ähnlich wie in Belgien und Schweden. Dort haben die Gesundheitsministerien 2003 unterschiedliche Wege gewählt, das Verfahren zu propagieren, aber mit dem gleichen Resultat: weniger Risikoschwangerschaften, stabile Erfolgsquote. Innerhalb von zwei Jahren sank die Mehrlingsrate zum Beispiel in Schweden von 19,4 (2002) auf 5,7 Prozent im Jahr 2004, während sich die Geburtenrate pro Embryo-Transfer mit 25 Prozent kaum veränderte. Die Zahl der verpflanzten Embryonen ergab im statistischen Mittelwert 1,3. Zum Vergleich: In Deutschland liegt er heute noch bei 2,1, die Geburtenrate bei 21 Prozent.

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