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Künstliche Beatmung : Atemluft kostet ein Vermögen

Nach einem Unfall ist ein Beatmungsgerät oft die einzige Möglichkeit zu überleben. Beatmungspatienten kommen aber nur schwer von der Maschine los. Bild: dpa/dpaweb

Patienten die dauerhaft künstlich beatmet werden, können sich ein Leben ohne das Gerät nicht vorstellen. Es gibt jedoch Methoden, wie eigenständiges Atmen wieder erlernt werden kann.

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          Nach einem Unfall oder bei einer schweren Erkrankung ist die künstliche Beatmung häufig die einzige Möglichkeit zu überleben. Wer aber zu lange an der Beatmungsmaschine hängt, wird kaum noch loskommen, weil er schwere gesundheitliche Schäden davonträgt. Dieses Schicksal teilen viele Beatmungspatienten. Denn die Krankenhäuser, oft genug aber auch ambulante Pflegeeinrichtungen haben durch ein einschlägiges Abrechnungssystem wenig Interesse, die Beatmungszeiten möglichst kurz zu halten.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Für die Abrechnung werden die Beatmungszeiten in Zeitblöcke unterteilt, für jeden Block bekommt die Klinik die Fallpauschale („Diagnosis Related Groups“, DRG). Je nachdem, wie lange der Patient auf der Intensivstation beamtet wird, verändert sich der Gewinn erheblich. Für einen Patienten kann eine künstliche Beatmung bis zu 200 000 Euro im Jahr und mehr kosten.

          Zeit und Wissen fehlen

          Patienten, die längere Zeit künstlich beatmet werden, beanspruchen zwei Drittel der Krankenhausressourcen. Das belastet das Gesundheitssystem erheblich und könnte vermieden werden. Denn die Abrechnungsmodalitäten verführen dazu, die nächste Schwelle der Fallpauschale abzuwarten, anstatt so zügig mit der Entwöhnung zu beginnen, dass die Betroffenen alsbald selbst wieder atmen können. Dazu fehlt im Klinikalltag oft die Zeit, zuweilen auch das Wissen.

          Die dauerhafte Abhängigkeit von einem Beatmungsgerät in Form einer Maske oder Trachealkanüle führt zu großer Angst bei den Betroffenen, denn das eigene Leben hängt förmlich an der Funktionstüchtigkeit des Geräts. Fällt es aus oder verschleimt die Kanüle, gerät der Patient in Luftnot und reagiert panisch. Die Befreiung vom Beatmungsgerät ist mit einem enormen Gewinn an Lebensqualität verbunden.

          Atmen lernen

          Da die Beatmungsmuskulatur je nach Alter und Trainiertheit schon nach wenigen Wochen völlig erschlaffen kann und sich zurückbildet, ist es ein mühsamer Prozess, das Atmen wieder zu lernen. Die Fürst Donnersmarck-Stiftung in Berlin, die im Norden der Stadt ein Zentrum für Post-Akute Neurorehabilitation aufbaute, hat vor zwei Jahren innerhalb der neurologischen Rehabilitation eine eigene Station zur Entwöhnung von Beatmung eröffnet. Sie ist ausdrücklich für Patienten mit neurologischen Erkrankungen bestimmt, die mit Heimbeatmung aus der Rehaklinik entlassen werden.

          Der Fachbereichsleiter Claus Bodenstein, der auf 15 Jahre Erfahrungen mit Intensivpflege zurückblickt und eigentlich frustriert aufhören wollte, weil er kaum noch Spielräume im gegenwärtigen Gesundheitssystem sah, hat mit dem Chefarzt des P.A.N., dem Neurologen und Psychiater Stephan Bamborschke, eine Reha-Potentialanalyse entwickelt.

          Ein neuer Lebensabschnitt

          Spätestens nach einem Vierteljahr soll nun festgestellt werden, ob ein stationär oder ambulant beatmeter Patient überhaupt Chancen hat, von der künstlichen Beatmung loszukommen. Wenn das nicht der Fall ist, wird er wieder an die abgebende Einrichtung zurücküberwiesen. Mit einer Ausnahme haben die Potentialanalysen sich bisher nach Aussage Bodensteins als zutreffend erwiesen. Das ehrgeizige Ziel der einzigen ambulanten Entwöhnungseinrichtung, die an ein neurologisches Zentrum angegliedert ist, will künstlich Beatmete binnen achtzehn Monaten zur eigenen Atmung zurückführen.

          Dazu wird die Atemmuskulatur unter fachlicher Anleitung stimuliert, bis die künstliche Beatmung schrittweise reduziert werden kann. Erst wenn die Atemmuskulatur sich langsam wieder aufgebaut hat, wird das selbständige Luftholen trainiert und der Patient kann sich zunächst für einige Minuten und Stunden, im Idealfall ganz von der Beatmung unabhängig machen. Für die Betroffenen beginnt dann ein neuer Lebensabschnitt.

          Ein normaler Alltag

          Zu den Voraussetzungen für die Entwöhnung gehört, dass die Patienten ausschließlich von Fachkräften betreut werden. Reha-Neurologen des P.A.N. stehen den Patienten der Entwöhnungsstation zur Verfügung, außerdem eine spezielle Atem- und Schlucktherapie durch Logopäden. Neuropsychologen begleiten den Umgang mit den Krankheitsfolgen, die manchem erst in ihrer vollen Tragweite klar werden, wenn er lange Reha-Zeiten hinter sich gebracht und sich allmählich auf dem Weg zur Rückkehr in ein annähernd selbständiges Leben befindet.

          Auch nach der Entwöhnung werden die Patienten nicht allein gelassen, der Ambulante Dienst der Stiftung nimmt früh Kontakt mit der Krankenkasse auf und bespricht die weitere Versorgung. Das ermöglicht den Betroffenen den sanften Übergang in den normalen Alltag.

          In Kliniken und anderen Einrichtungen ist ein Therapeut häufig für sieben bis neun Beatmungspatienten zuständig, im P.A.N. hat er nur drei Patienten zu versorgen, die außerdem früh an Selbständigkeit gewöhnt werden. Sie wohnen in einem der 14 Appartements, die mit eigener Klingel, einer unterfahrbaren Kochnische, eigenem Kühlschrank und eigenem Bad ausgestattet sind. Zur technischen Versorgung gehört der Sauerstoff aus einem Zentraltank in jeder Wohnung. Neben dem Sauerstoff steht auch Druckluft zum Absaugen von Schleim zur Verfügung. Über ein Monitoring-System werden die Vital- und Sauerstoffwerte zur „Dienstinsel“ der Station übermittelt. Das garantiert zugleich ein hohes Maß an Überwachung und Privatsphäre.

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