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Kritik an Paracetamol : Eine Pille gefährdet Iren mehr als Italiener

  • -Aktualisiert am

Frei verkäuflich ohne Rezept: Paracetamol Bild: AP

Paracetamol ist ein Alltagsmittel gegen Schmerzen und Fieber – aber auch umstritten. Überdosierungen führen oft zum Leberversagen - allerdings scheint es in Europa große nationale Unterschiede zu geben. Forscher raten zur Rezeptpflicht.

          Die großen städtischen Krankenhäuser Europas waren Ende des neunzehnten Jahrhunderts vieles in einem: Hospitäler, Versuchslabore, Lehranstalten. Als zwei junge Straßburger Assistenzärzte im Jahr 1884 ihren Chef, den Internisten Adolf Kußmaul, um Rat baten, wie sie mit einem fiebernden, von Eingeweidewürmern geplagten Patienten verfahren sollten, bekamen sie deshalb eine Empfehlung, die eher ein Experiment war als ein ausgefeiltes Therapieschema: Sie sollten dem Schwerkranken Naphthalin geben, das könne den Darm von Würmern befreien. Doch der Mann blieb von Parasiten befallen. Etwas anderes aber erstaunte die Ärzte: Plötzlich sank sein Fieber. Als sie recherchierten, fanden sie heraus, dass die Apotheke sie nicht mit Naphthalin beliefert hatte, sondern mit dem Anilinderivat Acetanilid. „Ein Irrtum mit lange nachwirkenden Konsequenzen“, bilanzierte ein Autorenteam um den Pharmakologen Kay Brune von der Universität Erlangen-Nürnberg Ende vergangenen Jahres im „European Journal of Pain“, wo der historische Fall noch einmal aufgearbeitet wurde (doi:10.1002/ejp.621). Der Straßburger Irrtum war die Geburtsstunde von Paracetamol, das heute als Fiebersenker und Schmerzmittel weltweit verbreitet ist.

          Nachdem klar war, dass Acetanilid eine schwere Nebenwirkung mit sich brachte, die zur Sauerstoffunterversorgung führende Methämoglobinämie, wurde das Präparat mehrfach verändert. In den Labors der Jahrhundertwende entstanden diverse Weiterentwicklungen, darunter auch Paracetamol, das seinen globalen Siegeszug aber erst in den fünfziger Jahren antrat. Sein Aufstieg hing maßgeblich damit zusammen, dass Phenazetin, ein anderes früh entwickeltes Derivat des Acetanilid, in der Nachkriegszeit für massenhafte Nierenerkrankungen in der Schweiz gesorgt hatte, wo es bei Frauen zur Mode geworden war, die Pillen zum Nachmittagskaffee einzunehmen wie Bonbons. Paracetamol löste das Skandalpräparat ab und wurde zum neuen Hoffnungsträger unter den Kopfschmerz- und Fiebermitteln.

          Leberversagen nach Überdosierung

          Doch bis heute kratzen Studien auch am Image dieses Medikaments – vor allem seiner massiven Lebertoxizität wegen. „Viele Experten glauben, dass Paracetamol heute keine Marktzulassung bekommen würde“, schreiben Brune und seine Mitautoren im „European Journal of Pain“. Sie verweisen unter anderem auf neuere Studien, die einen Zusammenhang mit Asthma und verminderter Fruchtbarkeit bei Kindern nahelegen, deren Mütter in der Schwangerschaft Paracetamol genommen haben. Und in diesen Tagen wirft eine weitere Untersuchung einen dunklen Schatten auf das rezeptfreie Alltagsmedikament. Im „British Journal of Clinical Pharmacology“ veröffentlichte ein internationales Autorenteam um die Pharmakologin Sinem Ezgi Gulmez von der Universität Bordeaux gerade die Ergebnisse einer Studie, für die in sieben europäischen Ländern erfasst worden ist, wie oft Lebertransplantationen mit akutem Leberversagen durch Paracetamolüberdosierung zusammenhingen. 600 Fälle akuten Leberversagens, denen eine Registrierung für ein Spenderorgan folgte, verzeichneten die Wissenschaftler in Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Portugal, Großbritannien und den Niederlanden in den Jahren 2005 bis 2007. 114 davon waren auf Arzneimittelüberdosierungen zurückzuführen, und hier lag Paracetamol bei den Ursachen einsam an der Spitze – mit 111 von diesen 114 Fällen. In etwas mehr als sechzig Prozent der Fälle hatten die Patienten das Medikament klar in suizidaler Absicht überdosiert (doi:10.1111/bcp.12635).

          Besonders erstaunlich waren die großen Unterschiede zwischen den Ländern. Durchschnittlich lag die Rate der Lebertransplantationen nach akutem Versagen durch Paracetamolüberdosis bei einem Fall jährlich pro sechs Millionen Einwohner. Doch in Irland war die Rate sechsmal so hoch wie im Durchschnitt aller Länder, in Großbritannien doppelt so hoch. Am niedrigsten war sie in Italien. In Italien erkrankte auch nur eine Person an einer akuten Leberintoxikation pro verkauften tausend Tonnen Paracetamol. In Irland wurden fast fünfzig Menschen pro tausend Tonnen des Mittels zu Transplantationskandidaten, in England zehn Menschen.

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