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Krebstherapie : Killerzellen im Schlepptau

  • -Aktualisiert am

Eine T-Zelle im Rasterelektronenmikroskop Bild: Wikipedia Commons

Ein neuer Antikörper führt die T-Zellen des Immunsystems an die Tumorzellen heran und sorgt auf diese Weise für die effiziente Zerstörung der Krebszellen. Jüngste Studien zeigen gute Ansprechraten bei bestimmten Formen von Lymphomen.

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          Therapeutische Antikörper sind zu einem festen Bestandteil der Krebsmedizin geworden. Alle bisher verfügbaren Antikörper erkennen die Tumorzellen über ein einziges Merkmal und stellen sich ihnen dadurch in den Weg. In den Universitätskliniken Würzburg, Essen, Mainz und Ulm ist jetzt ein neuartiger, für die Erkennung zweier Merkmale ausgerüsteter Antikörper gegen Krebs getestet worden. Mit einem Arm langt er nach den T-Zellen des Immunsystems, mit dem anderen nach den Krebszellen. Dieser Antikörper war in der Lage, verschiedene Formen eines Non-Hodgkin Lymphoms ganz oder teilweise zurückzudrängen.

          Das neuartige Antikörpermolekül besitzt nicht die klassische Struktur mit einer leichten und einer schweren Eiweißkette. Vielmehr besteht es nur noch aus einer einzigen Kette. Auf ihr sind die Abschnitte zur Erkennung beider Merkmale hintereinander angeordnet. Eines dieser Merkmale ist auf den Krebszellen zu finden, das andere auf den T-Killerzellen des Immunsystems. Durch die Erkennung beider Antigene werden die Zellen zusammengeführt, vom Antikörper sozusagen ins Schlepptau genommen. Dadurch kommen sich T-Killerzelle und Krebszelle so nahe, dass die eine ihre giftige Fracht an die andere abgeben kann. Danach sucht die T-Zelle nach weiteren Tumorzellen und tötet sie ab. Mit Hilfe des neuartigen Antikörpers können deshalb wenige T-Killerzellen viele Krebszellen beseitigen. Normalerweise tun sich die Immunzellen schwer damit, weil sich die Krebszellen durch wechselnde Manöver in Sicherheit bringen. Der Antikörper hilft ihnen, die Krebszellen aus der Deckung zu holen und auf Tuchfühlung zu bringen.

          Antikörper wirken besser als erwartet

          In die jüngste Studie, die Ralf Bargou vom Universitätsklinikum Würzburg geleitet hat und über die in der Zeitschrift „Science“ (Bd. 321, S. 974) berichtet wird, wurden insgesamt 38 Patienten einbezogen. Sie litten an Formen eines Non-Hodgkin Lymphoms, bei denen die B-Zellen entartet waren. Das krebsspezifische Antigen ist deshalb ein B-Zell-Antigen. Die Kranken erhielten eine von sechs möglichen Dosierungen des Antikörpers mit der Bezeichnung Blinatumomab. Bei dieser Phase I-Studie habe man zunächst nur die Sicherheit und Machbarkeit des neuen Konzeptes im Auge gehabt, sagt Patrick Baeuerle von dem Münchener Unternehmen Micromet, das den Antikörper entwickelt hat. Über die gute Ansprechrate sei man verblüfft gewesen.

          Bei der höchsten Dosierung hat dem Münchener Forscher zufolge jeder der sieben behandelten Patienten auf die Therapie reagiert. Bei zwei Patienten sei die Erkrankung vollständig, bei fünf Patienten deutlich messbar zurückgedrängt worden. Bei den mittleren Dosierungen habe jeder Fünfte auf die Behandlung mit einem vollständigen oder einem messbaren Zurückdrängen reagiert. Die geringsten Dosierungen hätten keinen Effekt gehabt. Das zeige, dass es eine klare Beziehung zwischen Dosis und Wirkung gebe. In den sechs bis dreizehn Monaten nach der Behandlung – längere Beobachtungszeiten gebe es derzeit noch nicht – sei die Krankheit bei jenen Patienten, die hohe Konzentrationen erhalten hatten, nicht vorangeschritten. Mit den verwendeten Konzentrationen bleibt man nach Angaben des Münchener Forschers weit unter denen, die bei herkömmlichen Antikörpern üblich sind.

          Nebenwirkungen müssen noch erforscht werden

          Zwar entfaltet der neue Antikörper seine Wirkung schon in geringer Dosis, weil T-Killerzellen und bispezfische Antikörper nicht nach jeder Attacke auf Krebszellen untergehen,aber er wird im Körper schnell abgebaut. Die Patienten hatten Blinatumomab daher per Dauerinfusion über eine tragbare Minipumpe erhalten. Sie wurden entweder vier oder acht Wochen lang behandelt. Durch die kontinuierliche Infusion wird eine gleichmäßige Konzentration im Blut aufgebaut. Damit der neuartige Antikörper zusammen mit den T-Killerzellen wirken kann, muss er eine Weile im Körper zirkulieren.

          Die Nebenwirkungen der Therapie hielten sich insgesamt betrachtet in Grenzen. So haben die beim Massensterben der B-Zellen freiwerdenden Botenstoffe nicht zu Komplikationen wie der gefürchteten raschen Freisetzung von Cytokin geführt. Allerdings kam es mitunter auch zu schweren Nebenwirkungen wie Blutvergiftung oder Lungenentzündung. Für Baeuerle steht aber noch nicht fest, ob das auf die Wirkung des Antikörpers zurückzuführen ist oder ob es sich um davon unabhängige Eskalationen der Erkrankung handelt. Alle Patienten hatten schon mehrere gescheiterte Therapien hinter sich. Der Antikörper wird jetzt in einer größeren Phase 2 Studie bei akuter lymphatischer Leukämie getestet.

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