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Krebstherapie : Ein Dogma der Krebsmedizin fällt

  • -Aktualisiert am

Durch Positronen-Emission-Tomographie sichtbar gemachte Metastasierung. Das hinterlegte Skelettbild ist Resultat einer Computertomographie. Bild: RIBS/Universität Duisburg Essen

Metastasen im Körper, heißt es, können Krebszellen genauso streuen wie der Primärtumor. Deshalb werden Lymphknoten oft radikal entfernt. Das ist falsch, haben jetzt Münchner Forscher eindeutig belegt.

          Die Bedeutung von Krebsregistern wird hierzulande noch immer unterschätzt. Sie sind nicht nur zur Beurteilung der Qualität der medizinischen Versorgung unerlässlich, sondern bieten, wenn sie konsequent den Krankheitsverlauf einer Population verfolgen, auch die Chance, die Wissenschaft voranzubringen. Beispielhaft dafür sind Erkenntnisse über die Metastasierung von Tumoren, die jetzt das Tumorregister München veröffentlicht hat („Zentralblatt für Chirurgie“, Bd. 133, S. 1).

          Die von Dieter Hölzel vom Institut für medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie der Universität München geleitete Forschungsgruppe stürzt ein Dogma der Krebsbekämpfung, indem sie die routinemäßige Entfernung der Lymphknoten, die Lymphadenektomie, „als nicht mehr zeitgemäß“ betrachtet. Sie stellt fest, dass die von Metastasen befallenen Lymphknoten nicht zur weiteren Ausbreitung des Tumorleidens beitragen. Ihr Fazit: „Lymphknoten metastasieren nicht“.

          „Metastasen metastasieren nicht“

          Sie gehen sogar noch einen Schritt weiter. Aufgrund der aus dem Krebsregister gewonnenen Daten habe die umfassendere Hypothese „Metastasen metastasieren nicht“ eine hohe Plausibilität. Das würde bedeuten, dass aus Tochtergeschwülsten in Organen, etwa Lunge oder Leber, nicht an der Streuung weiterer Krebszellen beteiligt sind. Die unmittelbare Konsequenz aus diesen Erkenntnissen liegt für die Münchener Wissenschaftler darin, nur die Lymphknoten zu entfernen, die zur lokalen Kontrolle, zur Ermittlung der Prognose und der sich daraus ergebenden Therapieentscheidungen unerlässlich sind.

          Die große Bedeutung, die den Lymphknoten beigemessen wird, beruht auf der Tatsache, dass die Überlebenschancen der Kranken, und zwar unabhängig von der Größe und der Bösartigkeit des Tumors, umso schlechter sind, je mehr Lymphknoten von Krebszellen befallen sind. Schon vor über einhundert Jahren strebten die Chirurgen an, einen Tumor möglichst vollständig zu entfernen – einschließlich der Lymphknotenabflusswege.

          Doch seit längerer Zeit bestehen Zweifel daran, ob das radikale Vorgehen mit möglichst umfassender Lymphadenektomie den Patienten Vorteile bringt. Zudem ist der erweiterte Eingriff mit Belastungen verbunden. Er erhöht zwar nicht die Sterblichkeit, aber es kann – von längeren Klinikaufenthalten abgesehen – zu bleibenden Behinderungen kommen. Es wurde schließlich immer wieder angezweifelt, dass die Entfernung der Lymphknoten die Überlebenszeit der Kranken erhöht. Es fehlt an einschlägigen Erkenntnissen, die nun das Tummorregister München für eine ganze Reihe von Krebsleiden klar belegt.

          Lymphknotenbefall ein Epiphänomen

          Eines der Argumente liegt darin begründet, dass das Risiko für Metastasen zeitlich unbegrenzt bestehen müsste, selbst wenn der ursprüngliche Tumorherd vollständig entfernt wurde. Auch eine in der Zeitschrift „Lancet“ (Bd. 373, S. 125) veröffentlichte internationale Studie hat beim Krebs der Gebärmutterschleimhaut klar gezeigt, dass die Lymphadenektomie bei Frühstadien dieses Tumors weder das Überleben noch die Häufigkeit von Rückfällen beeinflusst. Für die Münchener Forscher besteht kein Zweifel, dass es sich beim Lymphknotenbefall um ein Epiphänomen handelt. Sie bezeichnen es als einen guten „Pegelstandsmesser“, der aber nicht die Ursache für das Hochwasser sei.

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