https://www.faz.net/-gwz-9jpp0

Entfesselte Tuberkulose : Krebstherapie aktiviert schlafende Erreger

  • -Aktualisiert am

An den Blutwerten lässt sich erkennen, ob und wie effizient eine Therapie wirkt . Bild: dpa

Eine bei Krebs erfolgreiche Immuntherapie bewirkt bei Tuberkulose das Gegenteil. Schlafende Erreger werden wieder aktiv. Was bedeutet das?

          Die gezielte Entfesselung des Immunsystems ist ein neues Therapieprinzip bei der Behandlung von Krebserkrankungen, das im vergangenen Jahr mit dem Medizin-Nobelpreis gewürdigt wurde. Bei der sogenannten Checkpoint-Hemmung wird die körpereigene Abwehr nicht mehr ausgebremst, sondern sie geht länger gegen die Tumorzellen vor. Der Erfolg dieses Ansatzes hat die Idee aufkommen lassen, ihn auch im Fall hartnäckiger Infektionskrankheiten wie der Tuberkulose in Betracht zu ziehen.

          Tuberkuloseerreger werden vom Immunsystem nicht beseitigt, sondern nur durch einen Wall von Immunzellen eingrenzt und so in Schach gehalten. In diesen Granulomen bleiben die Erreger auf lange Sicht präsent und können jederzeit wieder aktiviert werden, wenn das Immunsystem Schwächen zeigt. Dann wird aus einer latenten, eingegrenzten Tuberkulose eine aktive, symptomatische Erkrankung, die für andere Menschen ansteckend ist. Weltweit sind schätzungsweise etwa zwei Milliarden Menschen latent mit Tuberkulose infiziert.

          Was nach einer interessanten Anwendung für Checkpoint-Hemmer klingt, entpuppt sich in der Praxis jedoch als das genaue Gegenteil. Daniel Barber vom „National Institute of Allergy and Infectious Diseases“ in Bethesda (Maryland) und seine Kollegen berichteten kürzlich in der Fachzeitschrift „Science Translational Medicine“, dass eine latente Tuberkulose bei der Behandlung mit einem sogenannten PD1-Checkpoint-Hemmer nicht attackiert, sondern aktiviert wird. Die Wissenschaftler beobachteten diesen negativen Effekt bei zwei Patienten, die wegen ihrer Krebserkrankung mit PD-1-Hemmern behandelt worden waren.

          Helferzellen aktivieren Erreger

          Beide Patienten litten an einer latente Tuberkulose, was den Ärzten allerdings nicht bekannt gewesen war. Einer der Betroffenen entwickelte rasch nach dem Einsetzen der Checkpoint-Hemmung eine generalisierte Tuberkulose und starb. Der andere zeigte nach elf Behandlungszyklen Anzeichen einer aktiven Infektion und überlebte.

          Da von dem Patienten, der die schwere Tuberkulose überwunden hat, verschiedene Blutproben vorhanden waren, konnten die Ärzte nachvollziehen, was passiert war. Die Behandlung mit dem Checkpoint-Hemmer hatte offensichtlich zu einer massiven Aktivierung spezieller Helferzellen des Immunsystems geführt, die das Risiko für die Aktivierung der latenten Tuberkulose drastisch erhöhten. Ähnliche Befunde waren auch schon aus Tierversuchen bekannt. Das klinische Geschehen war für die Mediziner also nicht völlig unerwartet gewesen.

          Barber und seine Kollegen plädieren in ihrer Veröffentlichung daher dafür, Patienten, die wegen einer Krebserkrankung mit Checkpoint-Hemmern behandelt werden sollen, vor Therapiebeginn auf eine latente Tuberkulose zu untersuchen. Derzeit sehen die Behandlungsempfehlungen keinen derartigen Test vor. Die Wissenschaftler machen allerdings auch deutlich, dass sich die Ergebnisse derzeit nicht generalisieren lassen. Vielleicht aktivieren andere Checkpoint-Hemmer – es gibt noch eine zweite Klasse mit einem anderen Angriffspunkt – die latente Tuberkulose nicht. Das müssen erst weitere Untersuchungen klären. Bis dahin sollte das Risiko allerdings im Blick behalten werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ich und das Klima : Du sollst verzichten

          Die Deutschen müssen ihr Leben ändern, sagen die einen. Was die Deutschen machen, ist der Welt egal, behaupten die anderen. Was kann der Einzelne wirklich bewirken?

          Umstrittener Backstop : Was will Boris Johnson?

          In einem Brief an EU-Ratspräsident Donald Tusk kritisiert der britische Premierminister die „Backstop“-Regelung zur irischen Grenze und schlägt „alternative Vereinbarungen“ vor. Er stößt jedoch auf wenig Gegenliebe.

          Seenotrettung : Kein sicherer Hafen

          Der Frankfurter Oberbürgermeister will, dass sich die Stadt bereit erklärt, aus Seenot gerettete Flüchtlinge grundsätzlich aufzunehmen. Doch die schwarz-rot-grüne Koalition ist sich nicht einig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.