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Krebsprävention : Vorbeugen ist immer noch nicht sexy

Die Mammographie, das Röntgen der Brust, ist bereits Standard in der Krebsprävention. Bild: ISM / Agentur Focus

Einer Krebserkrankung vorzubeugen wird zur nationalen Aufgabe. Wirklich? Von einem Aufbruch ist jedenfalls wenig spüren. Fehlt der Prävention immer noch die Attraktivität?

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          Später Freitagnachmittag auf dem Berliner Messegelände. Bis kurz vor sechs Uhr ist Raum A5 in Halle 7 eine Stunde lang reserviert, es geht um den „Aufbau eines Nationalen Krebspräventionszentrums“. Michael Baumann spricht vom Kulturwandel, von dem „nationalen, aber jahrzehntelang ungehobenen Potential“ für die Eliminierung vermeidbarer Krebsleiden. Es geht unüberhörbar um einen Aufbruch. Doch der Saal ist beschämend leer. Die Uhrzeit ist beschämend spät. Und das Thema Krebsprävention einmal mehr beschämend weit ins Abseits gestellt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Baumann ist wissenschaftlicher Vorstand am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, und er hatte allen Grund, enttäuscht zu reagieren. Chance vertan, einmal mehr. Die deutsche Krebsmedizin hält ihr Hochamt, doch im Programm kommt die fällige Zeitenwende daher wie eine Fußnote. Tausende Ärzte, Kliniker, Psychologen, Ökonomen und

          Diagnostiker – auch Gesundheitspolitiker – sind zu diesem 34. Deutschen Krebskongress in den Berliner Citycube gekommen, um sich auszutauschen – auch, um sich zu feiern. Denn die Überlebenschancen in Deutschland haben sich weiter verbessert: 65 Prozent aller Krebspatienten in Deutschland leben heute dank verbesserter Behandlungen und Früherkennung mindestens fünf Jahre nach der Diagnose, immer mehr werden geheilt. Und dennoch: Eine halbe Million Neuerkrankungen werden inzwischen in Deutschland registriert, Tendenz weiter steigend. Weil die Menschen immer älter werden, steigt auch die Häufigkeit. Bis zum Jahr 2030 dürfte die Zahl noch mal um ein Fünftel zunehmen, weltweit rechnet man bis zur Jahrhundertmitte mit einer Verdoppelung der Krebspatientenzahl.

          Schnelle Marktzulassung, viele Therapeutika

          Der Kampf gegen den Krebs ist dabei für viele immer noch da am interessantesten, wo man zum Helden werden kann oder wo es Geld zu verdienen gibt. In der Veranstaltung der Gesundheitsökonomen am Morgen davor im Saal London1 wurde nachgerechnet. Und erst recht gefeiert: Kein europäisches Land bringt Krebsmedikamente so schnell nach der Zulassung auf den Markt wie Deutschland, und nirgends in Europa gibt es überhaupt so viele Therapeutika.

          Vorbeugung dagegen ist bisher weder finanziell attraktiv, noch verspricht es Reputation. Das hat es noch nie. Das Kapitel Krebsprävention geht bis ins vorletzte Jahrhundert zurück, doch attraktiv war es weder für die Medizin noch für die Politik. Warum eigentlich? „Insgesamt 50 bis 75 Prozent der weltweiten Sterblichkeit an Krebs wäre vermeidbar“, sagt Baumann. Im „Cancer Journal for Clinicians“ waren die Statistiken aufgeschlüsselt: Gebärmutterhalskrebs, Kaposi-Sarkom, Melanom, Lungenkrebs, Rachen- oder Speiseröhrentumoren – drei Viertel und mehr dieser Krebsarten wären von vorneherein zu vermeiden, wenn Präventions- und

          Diagnosemöglichkeiten nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft umgesetzt würden. Natürlich scheitert es oft auch, weil das Verhalten nicht geändert wird. Und dennoch, stellt Baumann fest: „Das Budget weltweit und in Deutschland ist noch immer nicht ausreichend.“ Er meint damit die Unterstützung der öffentlichen Haushalte. Vom unrühmlichen Kapitel Tabakwerbung in Deutschland ganz zu schweigen.

          Schlechte Motivation für politisches Handeln

          Krebsvorsorge zahlt sich kurzfristig nicht aus, allenfalls langfristig, das ist nach Überzeugung Baumanns immer noch eine schlechte Motivation für politisches Handeln. Immerhin: Das nationale Krebspräventionszentrum, das in Heidelberg gebaut wird und mit den Nationalen Tumorzentren bundesweit vernetzt werden soll, ist beschlossene Sache. Damit wird die Erforschung der Möglichkeiten, Krebs zu vermeiden, zum ersten Mal systematisch aufgebaut. Jahrzehntelang dominierten Mythen, Vorbeugen im großen Stil war in jeder Sonntagsrede nachzulesen und blieb politisch doch ein frommer Wunsch. Was fehlte, war die Evidenz. Wie die nun erbracht werden soll, haben Baumann und seine Kollegen auf dem Krebskongress an einigen Beispielen jenseits der plakativen Präventivsäulen Tabak- und Alkoholvermeidung deutlich gemacht.

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