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Krebsimpfung : Ein ärgerliches Manifest

  • -Aktualisiert am

Papillomviren können Gebärmutterhalskrebs auslösen Bild: dpa

Zwei Impfstoffe schützen vor Viren, die bei Frauen Gebärmutterhalskrebs auslösen. Nun streiten Wissenschaftler erbittert über deren Wirkung. Doch die Debatte wird mit verwirrenden und falschen Informationen geschürt.

          „Ich habe mich geärgert und ärgere mich heute noch.“ Harald zur Hausen antwortet ruhig, aber deutlich. Ohne Groll in der Stimme und ohne rhetorische Schärfe spricht er vor Journalisten über seine Forschung - und über die darauf beruhende Impfung gegen Viren, sogenannte Humane Papillomaviren (HPV), die Gebärmutterhalskrebs auslösen.

          Seine eigene Enkelin sei inzwischen geimpft, erzählt zur Hausen, der überzeugt ist, dass „es wichtig ist, die Impfung durchzuführen und zu empfehlen“. Dass sich Frauen jetzt vom negativen Ton aktueller Berichte mit falsch interpretierten Zahlen davon abhalten lassen könnten und später gar an Krebs erkranken, ist für Harald zur Hausen ein „unerträglicher Gedanke“. Weit mehr als nur ein Ärgernis, das ist unüberhörbar.

          Am vergangenen Mittwoch hatte der 72-Jährige abends zum Pressegespräch nach Heidelberg geladen. Eine Woche bevor ihm am 10. Dezember in Stockholm der Nobelpreis für Medizin verliehen wird, wollte er über seine Erfahrungen der letzten Wochen sprechen. Um die Abendgarderobe zur Preisverleihung ging es dabei nur am Rande. Vielmehr wollte Harald zur Hausen Stellung nehmen: zu einem Artikel, der wiederum eine Woche zuvor in der Süddeutschen Zeitung erschienen war, und zu einem darin zitierten Manifest von 13 Wissenschaftlern. Diese fordern eine Neubewertung ebenjener HPV-Impfung, die in Deutschland seit März 2007 für alle Mädchen im Alter von 12 bis 17 Jahren von der Ständigen Impfkommission (Stiko) der Bundesregierung empfohlen wird. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten von etwa 500 Euro.

          „Der Hauptpunkt wurde vernachlässigt“

          In ihrer Kritik stehen die - nicht zuletzt von zur Hausen angeprangerten - hohen Kosten der beiden in Europa zugelassenen Impfstoffe Gardasil und Cervarix sowie die teilweise irreführenden Werbekampagnen. Der Hauptvorwurf lautet allerdings, die Wirksamkeit sei nicht angemessen geprüft worden. „Dieser Punkt wurde bisher in der Diskussion vernachlässigt, und wir wollten nicht, dass das untergeht“, erklärt Ansgar Gerhardus von der Universität Bielefeld, einer der Unterzeichner, die Beweggründe dafür, mit einem Manifest jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen. Seit Juni stimme man sich gemeinsam ab, der Zeitpunkt habe nichts mit dem bevorstehenden Festakt in Stockholm zu tun.

          „Jeder von uns ist überzeugt, dass Harald zur Hausen den Nobelpreis für seine Forschung verdient hat - ohne jeden Abstrich“, sagt Gerhardus. Wenn das Manifest anders gelesen werde, dann sei das bedauerlich. Auch zweifle man nicht an den kausalen Zusammenhängen zwischen Virusinfektion, Läsion und Krebsentstehung. Ihm tue es leid, wenn die erklärenden Hinweise so verstanden werden. Ein Missverständnis.

          Wirklich? Der Text, der sich angeblich um die Angst- und Schuldgefühle von Mädchen und Frauen sorgt, scheint mehr als Verwirrung zu stiften. Die zwei Manifestseiten entflammen mit keineswegs bislang unbekannten oder vernachlässigten Argumenten erneut eine hitzige Debatte. Die Entrüstung ist deshalb nicht nur am Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen groß, der zuständigen Zulassungsbehörde. Die Stiko verfasste einen ausführlichen Leserbrief und hält an ihrer Empfehlung fest: Die HPV-Impfung eröffne eine neue Option zur Prävention des Gebärmutterhalskrebses, von der die jetzt geimpften Mädchen profitieren werden. Die beiden Impfstoff-Hersteller, GlaxoSmithKline und Sanofi Pasteur MSD, wehrten sich diese Woche in Stellungsnahmen gegen unkorrekte Angaben und Fehlinformationen. Und warum sollte das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg kurzfristig die Presse zum Gespräch bitten - allein wegen eines Missverständnisses?

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