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Krebsimpfung : Ein ärgerliches Manifest

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Warum wird im Manifest dann aber mit Zahlen jongliert, die für Gardasil eine geringe Wirksamkeit von 17 Prozent vermuten lassen? Nämlich bei „allen eingeschlossenen Frauen“ - ohne jedoch zu erwähnen, dass in dieser Studiengruppe zum Beispiel nicht mehr unterschieden wird, ob zuvor schon Infektionen vorlagen oder ob wirklich alle drei Wirkstoffdosen gespritzt wurden, wie es das Impfprotokoll erfordert. Dieser „Hinweis“, wie es Gerhardus nennt, führt ebenso in die Irre wie die Behauptung, es fehle eine Gesamtzahl der höhergradigen Zellveränderungen. Wichtig sei eine Angabe, die sich nicht allein auf HPV 16 und 18 direkt bezieht, weil bisher erwartet werde, dass sich mit der Impfung später wenigstens 70 Prozent der Krebserkrankungen vermeiden lassen. „Für die Bewertung des Nutzens hätten wir jetzt gern die beste Abschätzung aus den vorhandenen Daten.“ Eine „over-all-effectiveness“ also im Sinne gesundheitspolitischer Aspekte - um die biologische Wirkung geht es offenbar gar nicht. Mit 46,1 Prozent beziffert nun die Emea die hier gefragte Effektivität in Bezug auf schwere Wucherungen. Der Wert wurde bei einer Population ermittelt, die laut den Vorgaben einer „jungfräulichen“ Zielgruppe entspricht. Und der Blick in die Studientabellen offenbart, dass 4616 Frauen den Impfstoff erhielten und 4675 die Placebospritzen. Genügen diese Daten für die erste Einschätzung nicht?

Impfstoffe schützen schon jetzt

„Und entscheidend ist doch außerdem der Schutz des Einzelnen“, sagt Michael Pfleiderer. Der liege nachweislich bei fast 100 Prozent für die Impfstämme, die das Risiko der geimpften Mädchen jetzt immerhin für zwei Gefahrentypen auf nahe null reduzieren. „Die Impfstoffe der nächsten Generation, die jetzt in der Entwicklung sind, werden weitere Virentypen einbeziehen.“

Die Krebsvorsorge bleibt den Mädchen zwar nicht erspart, doch die Impfstoffe schützen schon jetzt vor einer Infektion mit den HPV-Typen 16 und 18 - und das sind die gefährlichsten Erreger. „Unbestritten, wie unsere Langzeitstudien in Dänemark zeigen“, sagt Thomas Iftner von der Universität Tübingen. HPV 16 besitze das höchste absolute Risiko, dass in zehn bis zwölf Jahren eine CIN3-Wucherung oder Krebs entsteht.

Wenn diese beiden Erreger aber nun wegfallen, könnten nicht andere Viren einfach ihren Platz einnehmen und das Gewebe wuchern lassen? Dieses von Bakterien bekannte Phänomen lässt sich nicht einfach auf die Virologie übertragen: „Ein Replacement ist theroretisch möglich, unsere langjährigen Erfahrungen mit HPV lassen aber nicht darauf schließen“, erklärt Iftner. HPV 16 sei in allen seinen pathogenen Fähigkeiten den anderen Papillomaviren überlegen: wenn es darum geht, das Immunsystem auszutricksen und auf Dauer im Gewebe auszuharren. Das Virus wird nicht einfach durch andere ersetzt.

Deshalb kritisieren nicht nur Impfexperten und Virologen wie der ehemalige Chef des Berliner Robert-Koch-Instituts, Reinhard Kurth, dass sich im Manifest die unterschiedlichen Argumentsebenen vermischen. Die Kritik am überzogenen Preis, an der übertriebenen Werbung wirft wichtige sozio-ökonomische Fragen auf, und die Ängste von Frauen sind sicher keine Lappalie. Doch warum werden sie jetzt mit verwirrenden und falschen Informationen geschürt? Es ist fast so, als streite man über den Vitamingehalt von Äpfeln, wenn es eigentlich um die Verteilungshoheit über Agrarsubventionen geht.

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