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Krebsimpfung : Ein ärgerliches Manifest

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Gegen zwei Virentypen

Harald zur Hausen gehört zu den drei diesjährigen Medizin-Nobelpreisträgern, weil er entdeckte, dass Papillomaviren für Krebserkrankungen am Gebärmutterhals (Cervix) verantwortlich sind. Von den mehr als 100 verschiedenen HPV-Typen infizieren 40 den Genitaltrakt, sie sind sexuell übertragbar, und 15 davon gelten als krebserregend. Diese - und allen voran HPV 16 und 18 - können bei anhaltenden Infektionen in der Schleimhaut Läsionen bilden, die sich in einigen Fällen zu Krebsgeschwüren weiterentwickeln. In etwa 70 Prozent aller Cervixtumoren finden sich HPV 16 und 18 im wuchernden Gewebe. Aus diesem Grund richten sich die derzeit auf dem Markt befindlichen Impfstoffe gegen diese beiden Virentypen; Gardasil außerdem noch gegen HPV 6 und 11, die Genitalwarzen verursachen.

In Deutschland erkranken jährlich etwa 6500 Frauen an Cervixkarzinomen, und 1700 sterben daran. Dass die Zahlen dieses vergleichweise niedrige Niveau erreicht haben, liegt an den Screening-Untersuchungen. Weltweit fordert diese Tumorart 274.000 Todesopfer im Jahr. „Gebärmutterhalskrebs ist hierzulande selten, aber die Infektionen nicht und ebenso wenig die Vorstufen“, sagt Harald zur Hausen. Eine Impfung verhindere Infektionen mit den entsprechenden Virentypen und Läsionen, verringere somit auch die Zahl chirurgischer Eingriffe, was bisher in der Diskussion kaum berücksichtigt werde. Viele der sogenannten Konisationen, bei denen Gewebe kegelförmig aus der Cervix herausgeschnitten werde, ließen sich vermeiden.

Empfehlung für 12- bis 17-jährige Mädchen

Belege für den Schutz finden sich in den Studiendaten, die auf den Internetseiten der europäischen Zulassungsbehörde Emea einzusehen sind: Zu 98 Prozent können Krebsvorstufen verhindert werden, die von den HPV-Typen 16 und 18 ausgelöst werden, wenn Frauen geimpft werden, bevor sie sich infizieren. Am besten also vor dem ersten Geschlechtsverkehr, daher rührt die Empfehlung für 12- bis 17-jährige Mädchen. „Beide HPV-Impfstoffe zeigen fast 100 Prozent Wirksamkeit bei Frauen, die einer solchen Zielpopulation entsprechen“, sagt Michael Pfleiderer, PEI-Fachgebietsleiter für Virus-Impfstoffe. Das sei zum Zeitpunkt der Zulassung so gewesen und bestätige sich seither in den Folgedaten.

Daran hegen auch die 13 Unterzeichner des kritischen Manifests keinen Zweifel. Sie weisen jedoch darauf hin, dass neben dem Langzeiteffekt noch ein anderer Beleg aussteht: „Die Wirksamkeit bezüglich Krebsschutz ist bisher nicht ausreichend geklärt“, bestätigt Harald zur Hausen das bekannte Problem. Es kann zwanzig bis dreißig Jahre dauern, bis ein Cervixkarzinom entsteht, und so lange laufen die Studien zur Wirksamkeit noch nicht. Hätte man warten sollen? In der Placebogruppe gar Krebs riskieren und Frauen den - als sicher getesteten - Impfstoff vorenthalten? Die Verschiebung dieser Präventionsmöglichkeit auf spätere Geburtsjahrgänge sei kaum vertretbar, erklärt dazu die Stiko ihre Entscheidung.

„Ich weiß es nicht“

In den Studien darf es allein aus ethischen Gründen nicht so weit kommen: Teilnehmerinnen mit hochgradigen Wucherungen werden behandelt. Veränderungen der Stufe CIN2 und höher hatte man deshalb als Endpunkte definiert, um die Impfwirkung daran zu messen. „Wir akzeptieren, dass diese Vorstufen als Parameter gelten“, sagt Ansgar Gerhardus. Es gehe vielmehr um methodische Fragen, die sich daraus ergeben. „Ich sage nicht, dass die Impfung schlecht ist. Ich weiß es einfach nicht.“

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