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Krebsforschung : Die Übersetzer

  • -Aktualisiert am

Rettendes Y: Antikörper Bild: Tim Evans / Science Photo Library

Lassen sich die Antikörper der Immunabwehr gezielt auf Krebszellen hetzen? Diesen Traum lebt ein türkisches Forscherpaar aus Mainz. Mit ungewöhnlicher Teamarbeit übersetzen sie an der Universität und in ihrer Firma Wissenschaft in Praxis.

          7 Min.

          Als Jugendlicher saß Ugur Sahin oft gebannt vor dem Fernseher. Der in Deutschland aufgewachsene Türke lauschte dann der legendären Sendung „Querschnitte“, in der Hoimar von Ditfurth naturwissenschaftliche Forschung anschaulich in Szene setzte. Besonders ein Beitrag über Krebs mit dem Titel „Unsterblichkeit ist tödlich“ hat den jungen Sahin beeindruckt. Angeregt durch die Bilder wild wuchernder Krebszellen, träumte er bald davon, selber einmal Forscher zu werden wie einst der große Gelehrte Paul Ehrlich. Dieser Gründervater der modernen Immunologie hatte schon Ende des 19. Jahrhunderts Visionen von „magischen Kugeln“ gegen Krebs und durch stures Ausprobieren immerhin das weltweit erste im Labor erfundene Chemotherapeutikum entdeckt - das Salvarsan gegen die Syphilis. Von solchen Vorbildern animiert, studierte Sahin Medizin.

          Als Arzt im Praktikum lernte er seine spätere Ehefrau Özlem Türeci kennen, eine Gleichgesinnte, die schon als Sechsjährige dem Vater bei Blinddarmoperationen zuschauen durfte und später im Labor ihre Liebe für die molekularbiologische Krebsforschung entdeckte. Das ehrgeizige Forscherpaar widmete sich fortan gemeinsam jenen Antikörpern, über deren wundersame Wirkung sich Ehrlich erstmals Gedanken gemacht hatte. Die wie ein Ypsilon geformten natürlichen Waffen der Immunabwehr erkennen einem Spürhund gleich Fremdes im Körper. So helfen sie, Bakterien und Fremdkörper zu bekämpfen. Und manchmal auch Krebszellen. Denn obwohl es sich bei Tumorzellen um Körperzellen handelt, können diese mitunter von der Immunabwehr als fremd erkannt und bekämpft werden.

          Erste am Menschen vorbereitet

          Inzwischen nutzen Ärzte erste Antikörper, die Krebszellen ausschalten. Herceptin etwa blockiert ein im Brustkrebsgewebe überaktives Eiweiß und verlängert damit das Leben der betroffenen Frauen. Das Arzneimittel erzielt weltweit Milliardenumsätze.

          Aber das dürfte erst der Anfang einer Armada therapeutischer Antikörper gegen Krebs sein. Noch mangele es vor allem an „Achillesfersen“, um Tumorzellen zu töten, ohne zugleich gesunde Körperzellen zu schädigen, sagt Sahin. Aus diesem Mangel Kapital schlagen will die kleine deutsche Biotechnologiefirma Ganymed Pharmaceuticals, eine Ausgründung des erfolgreichen klinischen Schwerpunkts Tumorimmunologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, an dem Sahin und Türeci nun seit sieben Jahren forschen. Nach dem Platzen der Spekulantenblase schaffte Ganymed 2002 als einzige Firma in Deutschland noch eine Erstrunden-Privatfinanzierung. Nach erfolgreichen Tierversuchen schossen Schweizer und deutsche Investoren im Frühjahr dieses Jahres sogar noch 33 Millionen Euro nach, damit Ganymed erste Versuche mit Antikörpern beim Menschen vorbereiten kann. Die Gründer sind seither vorsichtig optimistisch: „Nach langer Suche glauben wir, spezifische Antikörper in Händen zu halten, die bei Krebspatienten in der Klinik vielleicht wirken könnten“, sagt Türeci.

          Beschwerliche Übersetzung in die Praxis

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