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Zweifelhaftes Kortison : Fatale Spritzen

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Bei Rückenleiden ist die Bilanz noch ernüchternder

Bei Rückenleiden ist die Bilanz noch ernüchternder. Jan Hildebrandt, einst Chef der Schmerzmedizin der Universitätsklinik Göttingen, war 2011 an einer entsprechenden Cochrane-Analyse beteiligt. Sinnvoll erschien ihm und seinen Kollegen eine solche Spritze nur unter einer einzigen Voraussetzung: wenn sich bei einem akuten Bandscheibenvorfall der gequetschte Nerv entzündet und der Schmerz in Arme oder Beine zieht. Bei chronischen Rückenleiden dagegen, schrieben sie, sei eine Spritze in der Regel die falsche Wahl. Dies gelte unabhängig davon, ob sie in die Wirbelgelenke, in die Muskulatur oder als sogenannte epidurale Injektion auf die Dura, die Haut des Rückenmarks, gesetzt wird: „Die meisten Kortikoidinjektionen“, sagt Hildebrandt, „sind überflüssig und wirkungslos und werden oft auch noch auf die falsche Art und Weise gegeben.“ Ohne Gegenkontrolle auf dem Röntgenschirm zielen die meisten Ärzte regelmäßig daneben. Schnell mal zwischen Tür und Angel, sagt Hildebrandt, lasse sich eine Spritze eben nicht verabreichen, allein schon wegen der nötigen Sterilität.

Es gibt noch weitere unerwünschte Effekte bei dieser Art der Behandlung. Der Endokrinologe und Klinikdirektor Martin Reincke bekommt sie in seiner Ambulanz an der Ludwig-Maximilians-Universität München seit fünf Jahren immer häufiger zu sehen: Patienten mit aufgedunsenem und gerötetem Gesicht, die wegen Muskelschwäche nur noch mit Mühe aus dem Stuhl hochkommen, infektanfällig sind und häufig hohe Blutdruckwerte und schlecht verheilende Wunden haben. Das sind die typischen Anzeichen eines Cushing-Syndroms, eines Glukokortikoid-Überschusses. Das Steroid wird nach den Injektionen über Tage und Wochen hinweg aus Gelenk oder Wirbelsäule freigesetzt, sickert in die Blutbahn und verteilt sich im Körper. Dort wirkt es als Stress- und Alarmhormon. Unter seinem Einfluss wird in Knochen und Muskeln Eiweiß abgebaut, um Energie bereitzustellen. Das Steroid treibt den Blutdruck und Zuckerspiegel nach oben, macht das Gehirn wach und reaktionsbereit.

Nach einer Spritze braucht das Cortisolsysem vier Wochen, um sich zu erholen

Ein zweites Problem: Selbst wenn kleinere Dosen gegeben werden, kann der scheinbare Hormonüberschuss die körpereigene Glukokortikoid-Produktion zum Erliegen zu bringen. Schon nach einer einzigen intraartikulären Spritze braucht das menschliche Cortisolsystem bis zu vier Wochen, um sich zu erholen. Ähnliches gilt für Injektionen am Rücken. Für plötzliche Stresssituationen ist der Betroffene dann manchmal nicht mehr gerüstet, es kommt zum akuten Cortisolmangel. Der wiederum kann zu einer sogenannten Addison-Krise mit Blutdruckabfall, Schock oder sogar Koma führen. „Das Schlimmste ist, dass die meisten Patienten nichts von dieser Gefahr ahnen, weil sie auf solche Nebenwirkungen selten hingewiesen werden“, sagt Martin Reincke.

Trotz allem, was man inzwischen weiß, schwören viele Betroffene und Ärzte immer noch auf Kortisonspritzen. Weil eine Spritze, wie der Rheumatologe David Felson von der Bostoner Harvard University einräumt, gezielt eingesetzt, vielen Arthrose-Patienten zumindest über akute Schmerzzustände hinweghelfen kann. Aber sie sollte eben keine Dauerlösung sein. Selbst nach einer Anwendung am Rücken, bei der sogar solche Kurzzeiteffekte fraglich sind, wird der Patient nach einer Kortison-Injektion wahrscheinlich zufriedener die Praxis verlassen. Auch wenn man Spritzen ins Knie mit reinem Wasser füllt, zeigen Studien, geht es jedem Dritten danach besser – so groß ist der Placeboeffekt.

Gespritzt macht Kortison im ersten Moment Arzt und Patient allzu leicht glücklich. Der mögliche Ärger beginnt erst später, wenn der Betroffene die Praxistür längst hinter sich geschlossen hat.

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