https://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/kortison-spritzen-warum-kortison-oft-mehr-schadet-als-nuetzt-15246589.html

Zweifelhaftes Kortison : Fatale Spritzen

  • -Aktualisiert am

Ärzte greifen zu häufig und zu schnell zur Spritze

278 Mal hatten Gutachter und Schlichter der Bundesärztekammer zwischen 2005 und 2009 mit derartigen Fällen zu tun. Doch an sie wendet sich nur ein Bruchteil der Patienten. Christian Holland, selbst Mitglied einer solchen Kommission, und Christina Otto-Lambertz forderten deshalb schon damals mehr Vorsicht unter den Kollegen. Viele Ärzte würden leider zu häufig und zu schnell zur Spritze greifen. „Es besteht somit die Situation einer nicht vertretbaren Gefährdung der Patienten“, lautet das Fazit der Autoren. Daran hat sich in der Zwischenzeit leider wenig geändert. Wie oft Mediziner in Knie, Sehnen und Rücken spritzen, wird nach Auskunft der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zwar nirgendwo erfasst. Dasselbe gilt für die Zahl der dabei verursachten Komplikationen. Festgehalten ist jedoch die Zahl der Tagesdosen an Kortison-Präparaten, die die niedergelassenen Orthopäden zu Injektionszwecken in den Apotheken bestellen. Sie hat allein in den letzten sieben Jahren in Deutschland um rund ein Drittel zugenommen.

Verdoppelt hat sich im vergangenen Jahrzehnt auch die Zahl der Bandscheiben-Infektionen, die durch Operationen, aber eben auch durch solche Spritzen hervorgerufen werden können. „Früher war eine solche Spondylodiszitis als Rarität verschrien“, sagt Otto-Lambertz, „heute trifft das schon lange nicht mehr zu.“ Bei bis zu jeder tausendsten Rückeninjektion, schätzt man, ist mit einer solchen Infektion oder ähnlich schweren Komplikationen wie Rückenmarksabszess, Gehirnhautentzündung oder Querschnittslähmung zu rechnen. Bei jeder fünfzigsten bis hundertsten Spritze dringen Bakterien mit weniger schweren Folgen Richtung Rückenmark vor.

Wie häufig Keime auf diese Weise auch ins Kniegelenk gelangen, ist eigentlich gar nicht zu ermitteln. Das berichteten jedenfalls Wissenschaftler des Cochrane Netzwerks 2015 nach einer kritischen Prüfung aller wissenschaftlichen Daten. Denn bisher hat das niemand bei entsprechend großen und aussagekräftigen Patientengruppen überprüft. Aber auch hier können die Folgen verheerend sein: Der Orthopäde Shai Shemesh hat sechs solcher Pechvögel behandelt. Alle wurden am Knie operiert, berichtete er 2011 im Journal der israelischen Ärzte-Organisation, die Mehrzahl sogar mehrfach, einer verlor sogar das Bein. Trotz Therapie, schreibt Shemesh, können die verursachten Schäden an den Gelenken zu bleibenden Behinderungen führen.

Ob man Kortison nimmt oder Wasser, macht kaum einen Unterschied

Bislang gehen die Orthopäden wenig präzise davon aus, dass nach unter dreitausend bis fünfzigtausend Injektionen eine solche Komplikation zu erwarten ist. Zieht man in Betracht, dass in ihren Praxen hierzulande jährlich geschätzte zwanzig Millionen Kortison-Spritzen gesetzt werden, würde sich allein dies auf bis zu siebentausend Betroffene addieren. In den offiziellen Krankenhausstatistiken ist in den vergangenen zehn Jahren parallel zu der Zunahme der Steroidinjektionen auch die Zahl solcher Gelenkinfektionen um dreißig Prozent angestiegen. „Eine Spritze ins Knie ist keine harmlose Prozedur und sollte nicht leichtfertig vorgenommen werden“, warnt Shemesh, „vor allem, wenn man bedenkt, dass ihr langfristiger Nutzen fraglich ist.“

Letzteres konnten im Frühjahr wieder einmal Rheumatologen vom Bostoner Tufts Medical Center in der Fachzeitschrift „Jama“ belegen. Sie hatten 140 Arthrose-Patienten zwei Jahre lang entweder regelmäßig Kortison oder Wasser ins Knie gespritzt. Ergebnis: An den Schmerzen hatte das Kortison langfristig nichts geändert. Knorpelverlust und Gelenkverschleiß waren dagegen in dieser Patientengruppe ein kleines Stück weiter fortgeschritten.

Weitere Themen

Die Macht des Erdöls Video-Seite öffnen

Einfach erklärt : Die Macht des Erdöls

Das schwarze Gold ist ein Garant für Wohlstand, aber auch Auslöser für Krisen und Kriege. Woraus besteht Erdöl und hat es als Energiequelle noch eine Zukunft?

Topmeldungen

Kranzniederlegungszeremonie am Berliner Holocaustdenkmal (v.l.n.r.): Bundesverfassungsgerichtspräsident Stephan Harbarth, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, Knesset-Parlamentspräsident Mickey Levy, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzler Olaf Scholz und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Holocaust-Gedenken : Eine Vergangenheit, die alle angeht

In einer Gedenkstunde wendet sich die Bundestagspräsidentin dagegen, aus falsch verstandener Toleranz nachgiebig gegen Antisemitismus zu sein. Die Holocaust-Überlebende Auerbacher wünscht sich die „Versöhnung aller Menschen“.