https://www.faz.net/-gwz-9bdck

Gefahr beim Fußball : Können Kopfbälle eine Demenz auslösen?

Länderspiel zwischen Ägypten und Uruguay: Sind die Profis hier der Gefahr von Langzeitschäden ausgesetzt? Bild: Reuters

Körpereinsatz gehört zum Sport, erst recht zum Fußball. Der Kopf spielt hier oft eine herausragende Rolle – und ist ungeschützt in Duellen und bei Kopfbällen. Wie gesundheitsgefährdend ist das auf lange Sicht?

          Die dünne Flüssigkeitsschicht, die das menschliche Gehirn vor Zusammenstößen mit dem Schädelknochen schützt, ist für Eckhard Friauf, Neurobiologe an der Universität Kaiserslautern, alles andere als ein Ruhekissen: „Meine größte Sorge ist, dass durch die vielen Kopfstöße und Zusammenpralle der Fußballer Langzeitschäden nicht ausgeschlossen werden können.“ Friauf, der nicht zuletzt wegen der Kopfverletzungen von amerikanischen Football-Spielern alarmiert ist, hält die von wiederholten Kopfstößen unterhalb des Verletzungsniveaus ausgehenden Gesundheitsgefahren für unterschätzt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Allerdings ist er auch vorsichtig mit seinen Formulierungen: „Es gibt Korrelationen, aber die wissenschaftliche Evidenz fehlt.“ Was er genau meint, kursiert seit einigen Jahren unter einem eigenen Namen: Chronisch-traumatische Enzephalopathie, kurz CTE. Spätschäden durch aufsummierte Schädelverletzungen, mit tragischen Folgen: Demenzen, Depressionen, Suizidalität.

          Im Fußball kein gesicherter Fall bekannt

          Dass Athleten in Vollkontaktsportarten wie American Football, Eishockey oder Boxen tatsächlich später irgendwann einmal irreparable Hirnschäden davontragen könnten, wird auch vom Arzt der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft, dem Sportarzt Tim Meyer von der Universität des Saarlandes, nicht grundsätzlich in Frage gestellt: „Im Fußball ist uns aber kein einziger gesicherter CTE-Fall bekannt.“ Das bestätigen auch Claus Reinsberger von der Universität Paderborn und der Kaiserslauterer Neurobiologe Friauf. Aber alle drei Wissenschaftler nehmen eine zunehmende Sensibilisierung auch mit Blick auf den Fußball wahr. Ein Grund: Der Fußball wird offenkundig immer athletischer, körperbetonter, ruppiger oft auch.

          Die ersten Spiele dieser Fußball-Weltmeisterschaft in Russland zeigen das: Auszeiten und Auswechslungen nach aggressiven Kopfballduellen, nach Schlägen oder das „Abräumen“ in vollem Lauf mit entsprechenden Stürzen, waren schon nach der Hälfte der Vorrundenspiele eher die Regel als die Ausnahme. Trotzdem: Fußballarzt Meyer ist überzeugt, dass der fehlende Nachweis von CTE-Fällen unter Fußballern vor allem auch damit zu tun hat, dass die für den Kopf gefährlichen Stöße eher selten vorkommen: „Das sind fast ausschließlich geringgradige Ereignisse“, so Meyer.

          Studien geben kein klares Bild

          Die britische Professional Footballers Association hat 2016 trotzdem ganz offiziell die Wissenschaft zu einer Klarstellung aufgefordert. In den Medien waren davor Rufe laut geworden, es dem Soccer-Verband in den Vereinigten Staaten gleichzutun und Kindern unter zehn Jahren das Kopfballspiel grundsätzlich per Regel zu verbieten. Andrew Rutherford von der Keele University und seine Kollegen stellten Monate später im renommierten „British Medical Journal“ klar: „Wir brauchen keine Regeländerung. Die Befürchtungen, dass Kopfbälle das Demenzrisiko erhöhen könnten, sind angesichts der vorliegenden Studienergebnisse unbegründet.“

          In der Tat war das amerikanische Kopfballverbot für die Kleinsten nicht das Ergebnis einer systematischen Beweisführung zu Langzeitschäden, sondern hat vor mehr als zehn Jahren mit Einzelfallberichten bei Football-Veteranen und Millionen Dollar schweren Prozessandrohungen begonnen. „Das war eine strategische Entscheidung wegen drohender Schadensersatzklagen“, sagt Reinsberger, „aber tatsächlich bräuchten wir, um Klarheit zu bekommen, endlich eine große Kohortenstudie auch im Fußball.“ Auch systematische Reviews mit ein paar Dutzend kleineren Studien haben bis heute kein klares Bild ergeben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spahns Notfallplan : Fast schon verdächtig viel Zustimmung

          Der Gesundheitsminister will Kassenärzte und Krankenhäuser zur Zusammenarbeit zwingen – und erhält dafür Lob von allen Seiten. Doch bei der Umsetzung sperren sich die Verantwortlichen noch.
          Hat sich zum Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer

          Akks Wehretat : Der Streit schwelt weiter

          Die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigt das Ziel der Nato, dass die Verteidigungsausgaben steigen sollen. Das provoziert Widerstand – in der Opposition und selbst beim Koalitionspartner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.