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Knochenmark ins Herz. Ein Skandal? : Ein unmoralisches Angebot

Bild: Fricke, Helmut

Abenteurer im Stammzellrevier: Wie hochgelobte Mediziner die Regeln der Wissenschaft auszuhebeln versuchen und Blasen der Erkenntnis die nötigen Zweifel ersticken.

          „Mit Nebensächlichkeiten hat er nicht gerne seine Zeit verschwendet.“ Der Satz stammt aus einem vor fünf Jahren in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ erschienenen Geburtstagseditorial für den Düsseldorfer Kardiologen Bodo-Eckehard Strauer. Zu den Nebensächlichkeiten gehörte für ihn offensichtlich auch der Zweifel an der eigenen Arbeit. Hätte Strauer in seiner wissenschaftlichen Laufbahn sorgfältig die erste Empfehlung in der Denkschrift der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern verinnerlicht, er stünde nach Überzeugung vieler seiner Kollegen heute vielleicht nicht im Verdacht, als einer der schamlosesten Fabrikanten fragwürdiger Forschungsergebnisse an der Spitze der Stammzellmedizin zu stehen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dass es dennoch dazu gekommen ist, wurde in den vergangenen Monaten mehrfach und zuletzt in einer unlängst veröffentlichen großen Studie des Imperial College London deutlich, in der Graham Cole dem Düsseldorfer Kardiologen mehr als zweihundert „Ungereimtheiten“ unterschiedlichen Schweregrads in ein paar Dutzend Veröffentlichungen - inklusive der fünf wichtigsten Paper - attestierte. Immer standen jeweils Behandlungen von Herzinfarktpatienten im Mittelpunkt, denen Strauer patienteneigene Knochenmarkstammzellen entnommen und ins Herz injiziert hatte, um eine Regeneration des Herzens zu erreichen. Cole bemängelte unverblindete Studiendesigns, wo welche angebracht gewesen wären, fragwürdige Angaben zu Ethikkommissionen, vermeintlich falsche Statistiken und fehlerhafte Patientenzuordnungen - die Liste ist lang (siehe F.A.Z. vom 10. Juli). An der Universität Düsseldorf sind nun seit Dezember 2012 zwei Kommissionen damit beauftragt, Manipulationsvorwürfe gegen Strauer zu prüfen, und sie werden dabei auf einen - womöglich nicht den einzigen - skandalösen Vorgang stoßen, den der renommierte Wuppertaler Kliniker, Fachmann für Evidenzbasierte Medizin und ehemalige Kollege Strauers, Johannes Köbberling, gegenüber dieser Zeitung schilderte: Vor zwölf Jahren hatte demnach Köbberling, damals Schriftleiter der Zeitschrift „Medizinische Klinik“, einen Anruf von Strauer erhalten, mit dem er Jahrzehnte vorher als Nachwuchswissenschaftler an der Universität Göttingen arbeitet. Strauer wollte seine erste Publikation über die Behandlung von Herzinfarktpatienten mit Knochenmarkstammzellen veröffentlichen. Die Bedingung war: Sofort drucken, keine externen Gutachter. Peer Review, das Mindeste an unabhängigem, kritischem Sachverstand, den der Wissenschaftsbetrieb verlangt, sollte klammheimlich umgangen werden. Köbberling lehnte ab, „aus prinzipiellen Gründen“.

          Bodo-Eckehard Strauer, Düsseldorfer Kardiologe, Bundesverdienstkreuzträger, nach seiner Emeritierung Gastprofessor an der Universität Rostock.

          Die Arbeit war daraufhin unter dem Titel „Intrakoronare, humane autologe Stammzelltransplantation zur Myokardregeneration nach Herzinfarkt“ in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ (DMW) erschienen - auch „unter den gleichen Bedingungen“, wie Köbberling behauptet? Der zuständige Chefredakteur der DMW, Martin Middeke, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. In seinem Editorial zu Strauers Arbeit behauptete Middeke seinerzeit, die Arbeit „innerhalb von 28 Tagen nach Eingang einschließlich peer review und Revision“ aufbereitet zu haben. Strauer hält den Vorstoß des Exkollegen für den Racheakt eines enttäuschten Schriftleiters und lässt durch seinen Anwalt, Ralf Höcker, wissen: „Mein Mandant hat von keiner Zeitschrift jemals verlangt, einen Text ohne vorherige Begutachtung zu veröffentlichen. Er hat die DMW vielmehr gerade deshalb ausgewählt, weil sie eine solche sorgfältige Begutachtung innerhalb von einem Monat ermöglichen konnte.“

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