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Kindermedizin : Eine kurze Betäubung ist noch keine Katastrophe

  • -Aktualisiert am

Wie schädlich sind Narkosen für Säuglinge? Bild: Wolfgang Eilmes

Darüber, wie schädlich Narkosemittel für das Gehirn von Säuglingen ist, wird seit Jahren diskutiert. Nun liefert eine Studie Ergebnisse, die zumindest eingeschränkt beruhigen.

          Eine einzelne bis zu einer Stunde dauernde Narkose beeinträchtigt offensichtlich nicht die langfristige Gehirnentwicklung eines Säuglings. Das hat die erste große, länderübergreifende Studie zu den langfristigen Auswirkungen einer Narkose bei neugeborenen Kindern ergeben. Bei dieser sogenannten „Gas“-Studie wurden bis zu 70 Tage alte Säuglinge mit einem Leistenbruch entweder unter Voll- oder Teilnarkose operiert. Im Alter von fünf Jahren zeigten die Kinder beider Gruppen den gleichen, altersentsprechenden durchschnittlichen Intelligenzquotienten. Auch bei anderen Fähigkeiten wie der Sprachkompetenz, dem Gedächtnis, der Aufmerksamkeit oder der Impulskontrolle gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen.

          Diese Ergebnisse müssten Ärzte und Eltern beruhigen, schreibt der australische Studienleiter Andrew Davidson vom Murdock Children’s Research Institute in Parkville in einer Mitteilung, da fast die Hälfte aller Vollnarkosen bei Säuglingen weniger als eine Stunde dauern würden.

          Seit Jahren wird darüber diskutiert, wie schädlich Narkosemittel für das Gehirn von kleinen Kindern sind. Tierexperimentelle Studien legen nahe, dass die Verbindungen neurotoxisch sind. Gruppenvergleiche zwischen Kindern, die früh operiert worden sind, und Kindern, die nicht operiert wurden, haben kein eindeutiges Ergebnis geliefert. Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat deshalb vor zwei Jahren eine Warnung herausgegeben, nach der lange Narkosen oder mehrere Narkosen bei Kindern unter drei Jahren möglicherweise einen negativen Einfluss auf deren Gehirnentwicklung haben.

          Studie mit Schwächen

          An der in der Fachzeitschrift „Lancet“ veröffentlichten „Gas“-Studie waren 28 Kliniken aus sieben Ländern beteiligt. Insgesamt wurden 722 Kinder operiert, 363 erhielten eine rückenmarksnahe Teilnarkose, die anderen eine Vollnarkose mit Sevofluran. Die durchschnittliche Narkosezeit lag bei 54 Minuten. Zu den wenigen Schwächen dieser Studie gehört, dass 84 Prozent der operierten Kinder Jungen waren, weil ein Leistenbruch bei ihnen weitaus häufiger vorkommt als bei Mädchen. Streng genommen gelten die Ergebnisse damit eigentlich nur Jungen. Ungünstig ist auch, dass aus medizinischen Gründen mehrfach vom Studienprotokoll abgewichen werden musste. So wurden 74 Kinder, die eigentlich in Teilnarkose operiert werden sollten, doch in Vollnarkose operiert, weil es die Situation erforderte. Viele Kinder nahmen auch nicht an dem im fünften Lebensjahr angesetzten Intelligenztest teil, so dass die Ergebnisse für lediglich 447 Kinder berechnet wurden. Davidson und seine Kollegen betonen auch ausdrücklich, dass ihre Studie keine Aussagen zur Wirkung längerer Narkosen oder vieler Narkosen auf die Gehirnentwicklung von Säuglingen macht. Ihre Entwarnung gilt nur für eine einzige, maximal einstündige Operation.

          Narkosen bei Säuglingen sind aber nicht nur wegen der unklaren Nebenwirkungen der Narkosemittel in der Diskussion, sie sind auch komplikationsträchtiger als Narkosen bei älteren Kindern oder Erwachsenen. Das hat verschiedene Gründe. Die Luftröhre eines Neugeborenen ist nur vier Zentimeter lang und hat einen Durchmesser von vier Millimetern. Mehr Raum gibt es nicht für die korrekte Positionierung eines Beatmungsschlauchs. Die Atemwege eines Säuglings sind zudem wegen seiner untrainierten Stütz- und Atemmuskulatur wenig stabil.

          Die richtige Medikamentengabe erfordert Erfahrung

          Kleine Kinder brauchen auch doppelt so viel Sauerstoff pro Kilogramm Körpergewicht wie Erwachsene, weil sie einen höheren Grundumsatz haben. Sie geraten auch schnell in Atemnot, weil sie beim Ausatmen nur wenig Sauerstoff in den Lungen zurückbehalten. Zudem muss jede einzelne Medikamentengabe individuell berechnet und auf das Körpergewicht bezogen werden. Anästhesisten, die kaum Kinder operieren, fehlt oft das intuitive Gefühl, ob ihre Berechnungen richtig oder falsch sind. Ein Rechenfehler – etwa um eine Zehnerpotenz – kann katastrophale Folgen haben.

          Wie komplikationsträchtig Kindernarkosen tatsächlich sind, hat vor zwei Jahren die in „Lancet Respiratory Medicine“ veröffentlichte Apricot-Studie gezeigt. Damals wurden 31127 Narkosen aus 260 europäischen Kliniken ausgewertet. Bei jeder zwanzigsten Kindernarkose trat eine schwere Komplikation auf. Mit jedem zusätzlichen Jahr an Erfahrung, das der Anästhesist besaß, sank das Risiko für schwere Komplikationen um ein Prozent. Das zeigt, wie wichtig eine flächendeckende Versorgung mit Kinderanästhesisten ist, an der es auch in Deutschland hapert. Viele kleine Kinder werden heute immer noch von Anästhesisten betreut, die hauptsächlich erwachsene Patienten narkotisieren.

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