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Kinderkrankheiten : Harmlose Fieberkrämpfe

  • -Aktualisiert am

Kinder erhalten vom Arzt bei Fieberanfällen häufig Beruhigungsmittel Bild: picture-alliance/ dpa

Das Kind wird auf einmal bewusstlos, seine Lippen werden blau und es zuckt: plötzlich auftretende Krampfanfälle sind eine Horrorvorstellung für Eltern. Gleichwohl sind die Krämpfe meist harmlos.

          Plötzlich auftretende Krampfanfälle bei fiebernden kleinen Kindern zählen für die Eltern zu den bedrohlichsten Erfahrungen, sie stehen oft Todesängste aus. Was mit einer harmlos scheinenden Erkältung beginnt, lässt das Kind auf einmal bewusstlos werden, seine Lippen werden blau, es zuckt und krampft.

          Betroffen sind bis zu fünf Prozent der Kinder zwischen dem dritten Monat und dem fünften Lebensjahr. Gleichwohl sind die Krämpfe in aller Regel harmlos, und in 90 Prozent der Fälle klingen sie nach einigen Minuten von selbst wieder ab.

          Dennoch erhalten die Kinder vom Notarzt oder in der Kinderklinik unverzüglich Diazepam. Dies sei ein Tribut an die maßlos verängstigten Eltern, schrieb Burkhard Püst von der Abteilung für Neuropädiatrie vom Katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg unlängst in der „Monatsschrift Kinderheilkunde“ (Bd. 155, S. 419).

          Die Schuldgefühle der Eltern werden geschürt

          Diazepam verabreicht man mittels Tuben, deren Inhalt in den Enddarm ausgedrückt wird. Diese Sofortmaßnahme ist wirksam und gilt als erste Wahl bei Anfällen. Beim Diazepam handelt es sich um eines der bekanntesten Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine.

          Das sollte indes nicht zu dem Fehlschluss verleiten, man könne es unbedenklich dazu nutzen, Fieberkrämpfen vorzubeugen. Die erheblichen Nebenwirkungen seien dafür ein zu hoher Preis, heißt es in der Bewertung von Püst.

          Ähnliche Missverständnisse gibt es, wenn es um die Fiebersenkung geht. So ist zwar die Ansicht, Fieberkrämpfe seien zu verhindern, wenn man das Fieber nachhaltig senke, weit verbreitet, aber nicht richtig. Untersuchungen mit verschiedenen fiebersenkenden Medikamenten wie Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen haben gezeigt, dass sich hieraus keine Vorteile ergeben. Damit schürt man nur Fieberphobien und Schuldgefühle bei den Eltern, die sich vorwerfen, das schreckliche Ereignis nicht verhindert zu haben.

          Gen, Fieberkrampf und Epilepsie

          Nur ganz selten, nämlich bei drei Prozent der Kinder, die an Fieberkrämpfen leiden, entwickeln sich später Epilepsien. Als risikoreich gelten Fieberkrämpfe, die länger als eine Viertelstunde anhalten oder sich innerhalb eines Tages wiederholen.

          Umgekehrt findet man bei manchen erwachsenen Epileptikern häufig die Angabe, dass sie als Kind unter Fieberkrämpfen litten. Eine genetische Veranlagung für ein von der Körpertemperatur abhängiges Krampfgeschehen wird schon länger vermutet, aber der Vererbungsmodus ist nicht bekannt.

          Eine Verbindung zwischen Gen, Fieberkrampf und Epilepsie zeichnet sich aber immer klarer ab, wie Ortrud Steinlein vom Institut für Humangenetik der Ludwig-Maximilians-Universität in München in demselben Heft der Fachzeitschrift (S. 431) belegt.

          Die Zellen werden übererregbar

          Für das Krankheitsbild einer genetisch bedingten Epilepsie, bei der es gehäuft auch zu Fieberkrämpfen kommt, konnte ein Gen lokalisiert werden, dessen Eiweißprodukt bei der Inaktivierung von Natriumkanälen eine Rolle spielt. Die krankhafte Mutation in diesem SCN1A-Gen verhindert offenbar, dass der Einstrom von Natriumionen in die Nervenzellen gestoppt wird.

          Die Zellen werden dadurch übererregbar. Hier könnte ein Zusammenhang mit der Körpertemperatur bestehen, denn Defekte in den Natriumkanälen der Zellmembranen sind durch Hitze oder Kälte beeinflussbar.

          Die bisherigen Erkenntnisse reichen aber nicht aus, selbst bei einem Verdacht auf den Zusammenhang zwischen Fieberkrampf und Epilepsie eine routinemäßige Untersuchung des SCN1A-Gens zu rechtfertigen. Nur dann, wenn wesentlich heftigere Krampfanfälle auftreten, die man als Dravet-Syndrom bezeichnet, kann man dem Verdacht nachgehen, indem man einen Test an einem der dafür ausgerüsteten Labore vornehmen lässt.

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