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Kinderbetreuung : Wo bleiben die guten Krippen?

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Dieser Befund war unabhängig von der Qualität der frühkindlichen Krippe, und er war bis ins Jugendalter zu erheben. Dann fielen die Langzeitbetreuten durch Alkoholkonsum, Diebstahl und Vandalismus auf. Allerdings ist die Wirkung frühkindlicher Fremdbetreuung im Guten wie im Schlechten insgesamt eher gering, sowohl was kognitive Leistungen als auch was das psychosoziale Verhalten betrifft: "Eigentlich wird der dominierende Einfluss der Familie durch unsere Studie untermauert", hob Belsky hervor. Allerdings sei es möglich, dass auch solch schwache Veränderungen beim Einzelnen große Auswirkungen auf die Gruppendynamik haben. So stellte er eine Folgestudie vor, wonach in einer Schulklasse mit sehr vielen Kindern, die über lange Phasen in der Kindheit aushäusig in Gruppen betreut wurden, diese den anderen ihr Problemverhalten aufzwangen.

Wenn sich kognitive Leistungen überhaupt nur bei guter Betreuungsqualität steigern lassen, dann ist die Situation in Deutschland besonders negativ zu bewerten, denn es mangelt an guten Krippen. "Die Qualität der hiesigen Betreuungsangebote bleibt weit hinter den gesetzten Standards zurück", monierte Rainer Böhm, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums in Bielefeld. Der Personalschlüssel wird deutlich unterboten, die Gruppen sind in der Regel unangemessen groß, nur drei Prozent der Erzieherinnen haben einen Bachelor-Abschluss und das Mischungsverhältnis der Altersgruppen ist ungünstig. Nicht nur Strukturen, auch Abläufe - etwa bei der Eingewöhnung der Kinder - lassen zu wünschen übrig. So wurde in einer Untersuchung aus dem Jahr 2007 nur zwei Prozent der deutschen Kinderkrippen eine sehr gute bis gute Qualität bescheinigt, zwei Drittel erhielten mittelmäßige Noten und ein Drittel den Stempel unzureichend. Nach einem effektiven Werkzeug zur frühen Förderung klingt das nicht. "Statt allein auf den Ausbau der Krippenbetreuung zu bauen, sollten alternative Fördermodelle eine Chance erhalten, die eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie ohne Belastung der Kinder ermöglichen", forderte Böhm. Das sind politisch denkbar unkorrekte Ansätze, sollen doch Krippenplätze bis 2013 flächendeckend mit einem Anspruch für alle ab dem ersten Lebensjahr zur Verfügung stehen. Zu viel Kritik am Ist-Zustand ist gegenwärtig jedoch derart verpönt, dass Böhm sogar der Hinweis auf interessengeleitete Beschönigungen in einem aktuellen wissenschaftlichen Aufsatz für die Fachzeitschrift "Kinderärztliche Praxis" gestrichen wurde.

Der in freier Praxis tätigen Psychoanalytikerin Ann Kathrin Scheerer aus Hamburg war es vorbehalten, die wissenschaftlichen Ergebnisse in das Narrativ der Krankengeschichte einer Patientin zu übersetzen, die in der DDR wie alle Kinder eine Krippe besuchen musste. "Wir sehen solche Patienten immer öfter in unseren Praxen, aber gesellschaftlich ist es immer noch ein Tabu, das anzusprechen", sagte Scheerer. Kennzeichnend für die Leidenskarrieren sei vor allem, dass die krankmachenden Umstände - Trennungsängste, mangelnde Zuwendung durch die Erzieherinnen und das stundenlange Sichselbstüberlassensein - selten als Auslöser für die heutigen Defizite im Gefühlsleben dieser Menschen erkannt würden. "Es war normal, wie bei allen", so zitiert die Therapeutin die am häufigsten vorgebrachte Entschuldigung der Betroffenen wie auch ihrer Eltern. Gisela Kalz, die noch als Kinderärztin in der ehemaligen DDR praktizierte und inzwischen das Sozialpädiatrische Zentrum in Neuruppin leitet, bestätigte, dass bis heute die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser frühen Traumatisierungen zu wünschen übrig lässt. Dabei lassen allein die historischen Tatsachen erkennen, wie sehr die frühe Krippenbetreuung seinerzeit die Bedürfnisse der Mütter und Kleinkinder ignorierte: Zunächst wurde von etwa 1950 an die Parole ausgegeben, dass die Babys so früh wie möglich in die Krippe sollten, damit die Arbeitskraft der Mütter ungeschmälert zur Verfügung stünde. Nach und nach gewährte man jedoch aufgrund schlechter Erfahrungen der Kinder immer längere "Auszeiten". So gab es von 1986 an Lohnfortzahlungen für zwölf Monate beim ersten und bis 18 Monate ab dem dritten Kind. Überdies sei vielen Kinderärzten die Not der Eltern und Kinder seinerzeit durchaus bewusst gewesen. Sie konnten sie zeitweise vor der Pflicht zur Gruppenverwahrung schützen, indem sie die Kinder "krippenuntauglich" schrieben - eine Diagnose, die man weltweit in einschlägigen Krankheitsmanualen vergeblich sucht.

Was tut die Avantgarde?

Deutschland fühlt sich notorisch als Hinterbänkler, wenn es um die Vorschulbetreuung geht. Alles ist andernorts besser, von den französischen Ecoles maternelles über die akademisch gebildeten Erzieherinnen in Skandinavien bis hin zur Vollbeschäftigungsquote junger Mütter, die gefühlt überall vorbildlich zu sein scheint. Eine genauere Betrachtung lässt freilich erkennen, dass andere Länder den jungen Eltern weit mehr zu bieten haben als nur einen Krippenplatz für die Kleinsten. Schweden zahlt Eltern, die ihre Kinder bis zum dritten Lebensjahr zu Hause betreuen, monatlich umgerechnet 300 Euro. Sie haben außerdem einen Anspruch auf flexible Teilzeitarbeitsplätze und sogar die Möglichkeit, sich bis zu 120 Tage im Jahr für die Pflege von kranken Kindern freistellen zu lassen. Drei Viertel der französischen Kinder werden von ihren Eltern oder Verwandten zu Hause betreut, nur jedes zehnte Baby muss dort in die Krippe.

Die Themen des jüngsten skandinavischen Fachkongresses zum Thema Krippenbetreuung (Nordic Early Childhood Education and Care), der im Mai in Oslo stattfand, lassen erkennen, dass bis vor kurzem „frühe Betreuung“ auch in Skandinavien überwiegend eine Betreuung ab dem dritten Lebensjahr war. Zudem fragen sich auch in den nordischen Musterländern die Experten in Sachen Frühpädagogik mit Sorge, wie die immer stärkere Vorverlagerung der Altersgrenzen den Kleinsten wohl bekommt. Qualitätsmängel der Krippen, beispielsweise in Norwegen und Dänemark, werden schonungslos benannt. Der Unterschied zu der hiesigen Debatte liegt mithin nicht darin, dass die Zweifel am Konzept geringer wären, sondern dass man ohne ideologische Scheuklappen darüber spricht und sie nicht unterdrückt. (mls)

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