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Kinder- und Jugendpsychiatrie : Die schlaflosen Jahre

  • -Aktualisiert am

Auf einer Neugeborenenstation: Manche Babys schlafen, manche nicht Bild: REUTERS

Zwanzig Prozent aller Kinder haben Schlafstörungen. Eltern sind verzweifelt, sprechen von Burn-out. Jetzt holen Wissenschaftler das Thema „Kinderschlaf“ aus der Ratgeberecke.

          Still ist es und dunkel an diesem Abend gegen 21 Uhr an der Adenauerallee im Norden von Gelsenkirchen. Zwischen dem weißen Gebäudekomplex der Kinder- und Jugendklinik und der Straße, auf der nur selten ein Auto vorüberfährt, liegt ein kleiner Park. Der gewaltige Ahornbaum in seiner Mitte reicht bis fast an ein Fenster im zweiten Stock heran. Dahinter liegt das Zimmer von Kathleen Z. und ihrer knapp dreijährigen Tochter Ava. Das Fenster ist an diesem Spätsommerabend leicht gekippt, doch kein Ton dringt nach draußen. Könnte man hineinsehen, würde man warme Farben entdecken, zwei Bilder an der orange gestrichenen Wand, von Kinderhand gemalt und von der Kunsttherapeutin holzgerahmt: ein Löwe und ein Nashorn. Kein Fernseher, ansonsten erinnert die freundliche Einrichtung mehr an ein Hotel- als an ein Krankenhauszimmer. Nur oben in einer Ecke stört ein Detail: eine kleine Infrarotkamera, die auf das vergitterte Kinderbett gerichtet ist.

          Kathleen Z. und Ava sind jetzt seit zweieinhalb Wochen hier im Schlaftraining der Abteilung für pädiatrische Psychosomatik, einem der wenigen stationären Angebote für Kinder mit schweren Schlafstörungen in Deutschland. Vor vier Tagen hat Ava begonnen durchzuschlafen, doch gestern hatte sie einen Rückfall.

          Nie durchgeschlafen

          "Sie ist um zwanzig nach zehn aufgewacht, wie immer", erzählt ihre Mutter ein paar Stunden zuvor im leeren Seminarraum der Klinik. "Erst sagte sie, dass sie pullern wollte, dann wollte sie mit der Decke zugedeckt werden. Und dann fing sie wieder mit ihren Machtspielchen an." Kathleen Z., 39 Jahre alt, ist eine schmale, blonde Frau, sehr aufrecht sitzt sie am Tisch, vor sich ihr iPhone und eine Tasse Kaffee. Wenn sie spricht, klingt sie geübt, so wie Menschen klingen, die ihre Geschichte in der letzten Zeit sehr oft verschiedenen Therapeuten erzählt haben.

          "Eigentlich", sagt Kathleen Z., "hat sie nie geschlafen. Wir hatten Probleme ab dem Tag, an dem wir sie aus dem Krankenhaus mit nach Hause brachten. Aber ab anderthalb hat sie uns richtiggehend bewacht. Wir haben seitdem jeden Abend vier Stunden gebraucht, bis sie endlich einschlief. Nachts ist sie dann bis zu sechsmal aufgewacht. Sie hat Lautstärken erreicht, dass die Nachbarn gekommen sind." Es ist ein warmer Tag, von draußen fällt die Nachmittagssonne in den Raum. Kathleen Z. hat mit dem Smartphone einen Film aufgenommen in der letzten Nacht zu Hause in Sachsen-Anhalt, bevor sie und Ava nach Gelsenkirchen gefahren sind. Sie legt das Handy auf den Tisch, sehen kann man auf dem Film nichts, denn es ist dunkel in Avas Kinderzimmer. Ava ruft mehrfach: "Mama bleib hier", bis sich ihre Stimme überschlägt. Dann weint sie, ihr Weinen steigert sich zu einem bebenden Crescendo. Danach kommen wütende Schreie ohne Worte, sie enden in einem sirenenenartigen, langen Heulen, in dem die ganze ungebremste Energie eines sehr jungen Menschen liegt. Die Lautstärke geht zurück, als sich die Stimme der Mutter nähert, schwillt aber schnell und übergangslos wieder an. "Da war ich gerade wieder aus dem Zimmer gegangen", kommentiert Kathleen Z., dann schaltet sie den Film gnädig ab.

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