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Krankmachende Weichmacher : Vom Notfall auf der Kinderstation zum Zappelphilipp

  • -Aktualisiert am

Zu früh mit Weichmachern in Kontakt? Bild: dpa

Wie stark sind Beatmungsschläuche aus Weich-PVC mit Weichmachern belastet? Nun ist der Zusammenhang zum ADHS-Syndrom erstmals beschrieben worden.

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          Können Kinder durch Plastikschläuche auf Intensivstationen Schaden nehmen, wenn diese bestimmte Phthalate als Weichmacher enthalten? Der Verdacht liegt schon länger in der Luft, seitdem man der hormonartigen Wirkung bestimmter Plastikzusätze im Organismus auf der Spur ist. Nun scheint man tatsächlich einen Zusammenhang von Kinderintensivpatienten und späteren Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störungen (ADHS) gefunden zu haben.

          Deutliche Hinweise darauf liefern Untersuchungen von 449 Kindern, bei denen die Blutkonzentrationen von einem der wichtigsten Weichmacher, DEHP oder Diethylhexyl-Phthalat, gemessen wurden, als sie im Kleinkindalter auf die Intensivstation der Universitätsklinik in Löwen eingeliefert wurden. Im Vergleich zu 100 gesunden Kindern, bei denen DEHP nur in minimalen Konzentrationen nachweisbar war, zeigten die intensivbehandelten Kinder ein um den Faktor 150 erhöhten DEHP-Spiegel im Blutplasma.

          Bedrohlich hohe Werte

          Das Personal in Löwen reduzierte die Phthalatexposition zwar so gut wie möglich, aber bei Entlassung waren die Blutspiegel immer noch um den Faktor 18 erhöht. Das belgischen Forscher ermittelten daraufhin einen potentiell schädlichen Schwellenwert der DEHP-Konzentration. Für Werte darüber zeigte sich ein klarer Zusammenhang mit schlechteren neurokognitiven Testergebnissen vier Jahre nach dem Aufenthalt auf der Intensivstation. Die Exposition gegenüber dem Weichmacher begründete nicht allein ein höheres Risiko, später eine Aufmerksamkeitsstörung zu entwickeln, auch die motorische Koordination war bei diesen Kindern schlechter.

          Andere Einflussfaktoren konnten den Forschern zufolge ausgeschlossen werden. Die Materialien, aus denen zum Beispiel Beatmungsschläuche bestehen, die in der Luftröhre von Babys und Kindern auf der Intensivstation liegen, oder auch Schläuche, die als Katheter in die Blutgefäße geschoben werden, können das DEHP freigeben.

          Dringender Handlungsbedarf

          Phthalate sind in weichem PVC chemisch nicht fest gebunden. Daher können sie auswaschen, ausdünsten oder sich durch mechanischen Abrieb ablösen und verteilen. Aus diesem Grund ist DEHP in Spielzeug inzwischen verboten, aber offenbar in medizinischen Materialien aus PVC immer noch enthalten. In welchem Umfang ist unklar. Bereits im Jahr 2003 stellte ein Gutachten der Beratungskommission der Sektion Toxikologie der Deutschen Gesellschaft für experimentelle und klinische Pharmakologie und Toxikologie fest, dass auf Neugeborenen-Intensivstationen infolge der Benutzung von DEHP-haltigem Weich-PVC „ein dringender Handlungsbedarf“ bestehe („Umweltmedizinische Forschung und Praxis“.

          In einer Empfehlung des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte zur Anwendung von DEHP-haltigen Medizinprodukten aus dem Jahr 2004 wird empfohlen, in der Intensivtherapie von Neugeborenen Alternativprodukte zu verwenden, sofern diese verfügbar und für den jeweiligen Behandlungszweck geeignet sind. Die Empfehlung, Risikogruppen vor einer DEHP-Exposition zu schützen, nennt ihrerseits auch Kinder, die im Krankenhaus behandelt werden. Celine Fischer Fumeaux vom Service de Neonatologie am Universitätsklinikum in Lausanne warnt in der Zeitschrift „Paediatrica“ , dass die Exposition in neonatologischen Abteilungen oft vielfach und langanhaltend erfolgt, schwer zu messen ist und oft die in der übrigen Bevölkerung übersteigt. Im eigenen Haus waren bei einer Stichprobe rund zehn Prozent der Geräte einschlägig belastet.

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