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Chronische Krankheiten : Von Schwangeren lernen

  • -Aktualisiert am

Bis zur Geburt bleiben bei vielen Multiple-Sklerose-Patientinnen die Schübe aus. Danach kehren sie aber oft umso heftiger wieder. Bild: dpa

Frauen, die an einer chronischen Krankheit leiden, geht es in der Schwangerschaft oft besser. Erst jetzt untersuchen Wissenschaftler, ob sie sich da vom weiblichen Körper etwas abschauen können.

          Zwischen schlimmer und schöner Nachricht lagen bei Julia Hubinger nur wenige Wochen. Ein Neurologe der Uniklinik Frankfurt diagnostizierte Multiple Sklerose bei ihr, da war sie gerade 30 Jahre alt. Ob ihr Mann und sie Kinder wollen, fragte der Arzt unmittelbar danach – und gab dem Paar eine Frist von zwei Monaten. Wenn sie bis dahin nicht schwanger sei, sagte er, müsse Hubinger Medikamente nehmen, deren Wirkung auf den Fötus nicht ausreichend erforscht sei. Sollte sie aber tatsächlich ein Baby bekommen, dann ginge es in den kommenden neun Monaten auch ohne Arzneimittel.

          Einen Moment lang sahen sich Julia Hubinger und ihr Mann an. Okay, sagten sie sich dann, versuchen wir es erst mal mit Plan Baby. Der Kinderwunsch war sowieso schon da gewesen, nur hatten es beide nicht so eilig gehabt. Drei Wochen nach der Diagnose hielt Hubinger einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen und hatte auf einmal das Gefühl: Jetzt wird alles gut. Wenn das geklappt hat, dann wird auch alles andere funktionieren.

          Positive Effekte während der Schwangerschaft

          Neun Monate lang wächst bei Frauen nicht nur der Babybauch, es gibt auch unsichtbare Veränderungen. Schon lange beobachten Ärzte, dass bei vielen Multiple-Sklerose-Patientinnen die Schübe bis zur Geburt ausbleiben. Frauen, die sonst unter Migräne und Allergien leiden, geht es ebenfalls besser. Warum genau das so ist, wusste jedoch niemand. Nun gibt es zum ersten Mal eine Studie, von Forschern des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und des Heinrich-Pette-Instituts in Hamburg. An Mäusen weist sie die positiven Effekte der Schwangerschaft auf die Gesundheit nach – zumindest bei Multipler Sklerose.

          Von diesen Auswirkungen kann Julia Hubinger erzählen, und das tut sie ausgiebig auf ihrem Blog namens „Mama Schulze – Über mein Leben als 3fach Mama mit Multipler Sklerose“. Mittlerweile hat die 37-Jährige drei Kinder, in allen Schwangerschaften ging es ihr sehr gut. Die Schübe blieben aus und das Kribbeln von „tausend Ameisen unter der Haut“ verschwand. „Das war schön“, sagt Hubinger über die beschwerdefreie Zeit.

          Schübe kommen nach der Geburt meist wieder

          Jene Frauen, die sonst zusätzlich unter Dauerschwindel und Lähmungen leiden, bemerken sogar noch größere Verbesserungen. Auf einmal können sie ihren Alltag wieder meistern und all die Dinge tun, die ihnen die Schmerzen sonst verwehren. Nach der Geburt jedoch kommen die Schübe bei vielen Patientinnen umso stärker wieder.

          Was im Körper von schwangeren Multiple-Sklerose-Patientinnen passiert, kann Petra Arck vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf erklären. Die Professorin für Feto-Maternale Medizin leitet die interdisziplinäre Forschergruppe, von der auch die neue Studie stammt. Verantwortlich für das Ausbleiben der Schübe sei eine grundlegende Reaktion auf das ungeborene Baby – die Immuntoleranz. Dahinter steckt: Fünfzig Prozent der Antigene auf der Plazenta kommen vom Vater. „Über die Gebärmutterschleimhaut stehen diese im direkten Kontakt mit Zellen des mütterlichen Immunsystems“, sagt Arck. Eigentlich müsste dieses den Fötus als körperfremd erkennen und abstoßen, wie es nach Transplantationen geschieht. Doch das passiert nicht.

          Auch Allergien und Migräne werden weniger

          Warum es in der Schwangerschaft nicht zur Abwehrreaktion kommt, darüber haben sich Ärzte bereits vor fünfzig, sechzig Jahren gewundert. Jetzt erst weiß man: Das mütterliche Immunsystem verändert sich so, dass eine Abstoßung des Fötus unterdrückt wird – Mediziner nennen das Immuntoleranz. Für das neue Gleichgewicht sorgen die regulatorischen T-Zellen. Die Schwangerschaftshormone regen sie an, sich zu vermehren. Nun hört das Immunsystem von Multiple-Sklerose-Patientinnen auf, Gewebe zu bekämpfen, das es sonst fälschlicherweise als fremd erkennt. Dadurch bleiben Schübe aus, wie nun zum ersten Mal nachgewiesen wurde.

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