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Chronische Krankheiten : Von Schwangeren lernen

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Darauf hat die Weltgesundheitsorganisation reagiert, indem sie die Prioritäten bei knappen Impfstoffen änderte. Werdende Mütter stehen jetzt an erster Stelle, und damit noch vor Alten und Kindern. So ist die Gefahr für Schwangere gesunken, durch einen Influenzavirus ernsthaft krank zu werden. Abgesehen von den schrecklichen Todesfällen durch die Schweinegrippe fängt die Medizin mögliche Gefahren schon lange ab.

Auch die Schübe bei Frauen mit Migräne werden weniger.

Schwangerschaft als Modell nutzen

Aber was ist mit den positiven Nebenwirkungen; jenen, die bei Patientinnen wie Hubinger Krankheitssymptome einfach verschwinden ließen? Sollte es nicht allen Menschen mit Autoimmunkrankheiten so gut gehen wie werdenden Müttern? Sollte der weibliche Körper, der neun Monate lang besser funktioniert als jedes Medikament, nicht als Vorbild für die Medizin dienen?

Ja, das sollte er, sagt Arck, und erzählt von ihren Plänen: „Der nächste Schritt ist, dass wir die Schwangerschaft als Modell sehen und versuchen, eine Immunantwort bei Nichtschwangeren auszulösen, die bei Autoimmunerkrankungen Entzündungsschübe unterdrückt.“ Seit zwei Jahren arbeitet sie am Hamburger Universitätsklinikum mit Neurologen zusammen. So erfolgreich dieses von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt ist, es ließ lange auf sich warten. Viele Wissenschaftler glauben bis heute, von der Schwangerschaft könnte man nichts lernen. Andere wagen sich nicht ans Thema, weil ihnen die Expertise fehlt. „Wir sind noch in den Kinderschuhen, zu verstehen, welche Hormone genau an welche Zellen andocken.“

Patienten könnten von Forschungsergebnissen profitieren

Wenn überhaupt geforscht wurde, dann im Ausland. Dort haben Studien, in denen Multiple-Sklerose-Patientinnen mit Schwangerschaftshormonen behandelt wurden, nicht die erhofften Erfolge gezeigt. Konkret will Arck deshalb versuchen, regulatorische T-Zellen so anzureichern, wie es in der Schwangerschaft auf natürliche Weise geschieht. „Man müsste es außerhalb des Körpers machen: Genügend T-Zellen expandieren und am Ende zurück in den Menschen geben.“ Zunächst muss ihr Team die Veränderungen, die es bei Mäusen untersucht hat, nun im menschlichen Körper nachweisen. Einige Frauen wurden für die Studie bereits gefunden.

Werden die Forscher erfolgreich sein, könnte das das Leben vieler Patienten mit Multipler Sklerose und mit Rheumatoider Arthritis verbessern. Auch das von Julia Hubinger, die nach der dritten Geburt in diesem Januar nicht noch einmal schwanger werden will und inzwischen Medikamente gegen die Krankheit nimmt. „Weil ich gemerkt habe, dass ich das sonst nicht schaffe. Ich habe Kinder, mit denen ich spielen und rumtoben möchte, für die ich da sein will – da geht das nicht anders.“

Auch mit Multipler Sklerose eine gute Mutter sein

Mit den Medikamenten aber, mit der richtigen Ernährung und dem Sport, mit der Hilfe ihres Mannes: Da geht es gut. Und ihre Kinder, die verschönern auch nach der symptomfreien Schwangerschaft jeden Tag. Deshalb ist Hubinger positiv; eine starke Frau, die bloß kein Mitleid will. Die es hasst, wenn anderen Patientinnen vermittelt wird, sie könnten mit Multipler Sklerose keine guten Mütter sein.

Trotzdem ist sich Hubinger bewusst, dass der Verlauf der Krankheit unberechenbar ist. Wenn sie nach Zukunftsträumen gefragt wird, spricht sie deshalb doch von ihrer Gesundheit. „Ich wünsche mir“, sagt sie, „dass ich die Multiple Sklerose auf dem jetzigen Stand aufhalten kann. Und natürlich, dass sie entschlüsselt wird, dass man herausfindet, wie sie entsteht. Wie man sie behandeln – und wie man sie heilen kann.“

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