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Chronische Krankheiten : Von Schwangeren lernen

  • -Aktualisiert am
Während der Schwangerschaft benötigen viele Frauen keine antiallergischen Medikamente. Belegen lässt sich diese Verbesserung allerdings nicht.

Auch Frauen, die nicht chronisch krank sind, bemerken die positiven gesundheitlichen Nebenwirkungen der Schwangerschaft. Beobachten lassen sie sich in einer Frauenarztpraxis in Wiesbaden. Hier behandelt die Gynäkologin Martina Wagner ungefähr fünfzig Schwangere pro Quartal. „In der Gesamtheit sind sie überwiegend positiv gestimmt“, erzählt sie. Gerade bei Allergien, beispielsweise dem Heuschnupfen, fallen der Ärztin die Veränderungen auf: „Frauen setzen zu Beginn der Schwangerschaft die üblichen antiallergischen Medikamente ab. Häufig merken sie dann im Frühjahr, dass sie diese auch gar nicht brauchen. Lokaltherapien wie etwas Vaseline unter der Nase reichen aus.“ Besser ginge es außerdem Patientinnen, die unter Migräne leiden. Bei ihnen werden die Schübe schwächer, die beschwerdefreie Zeit dazwischen länger.

Negative Folgen werden meist stärker wahrgenommen

Wissenschaftlich belegen lassen sich diese empfundenen Verbesserungen noch nicht. „Es gibt viele Studien, die teilweise widersprüchlich sind“, sagt Arck. Bei Allergien und Asthma vermutete man lange, dass die Immuntoleranz in der Schwangerschaft zur Verbesserung führt; das bestätigen die meisten klinischen Beobachtungen jedoch nicht. Bei Migräne gibt es andere Hypothesen, die mit dem Östrogenspiegel zu tun haben. „Diese erklären aber nicht, warum manche Frauen berichten, dass sie während der Schwangerschaft plötzlich stärkere Anfälle haben. Migräne ist ein großer Mythos.“

Sicher wissen Forscher und Mütter dagegen, dass ein ungeborenes Baby kein Allheilmittel ist. Im Gegenteil: Frauen mit Asthma, sagt Arck, berichten sogar überwiegend von einer Verschlimmerung. Daneben gibt es eine Reihe von Beschwerden, die zwar lästig, aber während Schwangerschaften ganz natürlich sind: dicke Füße beispielsweise oder Rückenschmerzen. Diese negativen Folgen auf die Gesundheit werden viel stärker wahrgenommen als die positiven, erlebt die Gynäkologin Wagner.

Immuntoleranz kann auch gefährlich werden

Dabei spiele die Psyche eine Rolle: „Der Mensch ist nicht dafür gemacht, primär das Gute zu sehen. Er guckt erst mal auf die negativen Seiten.“ Abseits der normalen Richtlinien werden zahlreiche Zusatzuntersuchungen angeboten, noch dazu informieren sich die Frauen immer mehr, vor allem im Internet – auch deshalb sei ihre Alarmbereitschaft in den letzten Jahren gestiegen, der Fokus auf mögliche Probleme und Gefahren gerückt. „Das Positive kommt dann meistens weniger in der Praxis rüber und mehr bei Geburtskursen“, sagt Wagner.

Gefährlich werden kann die Immuntoleranz nach bisherigem Forschungsstand nur, wenn ein Virus in den Körper kommt. Auch daran hat das interdisziplinäre Team aus Hamburg bereits geforscht. „Bei Influenza gilt, dass schwangere Frauen die größte Risikogruppe sind“, sagt Arck. „Nach der letzten Pandemie, der Schweinegrippe, hat das auch die Weltgesundheitsorganisation bestätigt.“ Wichtig sei, zwischen einer einfachen Erkältung und einem Grippevirus zu unterscheiden – nur bei Letzterem funktioniere die Abwehr nicht, weil das tolerant gewordene Immunsystem die Influenzaviren nicht bekämpfe.

Schwangere haben Prioritäten beim Impfen

Während sich Erwachsene normalerweise innerhalb einer Woche erholen, kann der Verlauf bei einer werdenden Mutter kompliziert sein. Im Jahr 2009, als die Schweinegrippe zur Pandemie wurde, hatte das tatsächlich schlimme Folgen. Zwei schwangere Frauen, sagt Arck, seien allein in Deutschland gestorben.

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