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Kastratensänger : Ein tiefer Schnitt für den Wohlklang

Der irreversible Eingriff machte Sklaven gefügig, und Eunuchen waren nicht nur als Haremswächter im fernen Orient beliebt. In Istanbul fungierten die smarten als Lehrer, andere servierten Tee im Topkapi-Palast; in China dienten sie zu Tausenden der kaiserlichen Familie (einige noch bis 1923). Und natürlich schätzte man kastrierte Helfer im antiken Rom als Kämmerer oder Lustknaben. Dort gab es neben den „Spadones“ noch weitere Castrati: Man unterschied mit den Benennungen, ob die Hoden gequetscht, zerrissen oder samt Penis entfernt wurden.

Selbst Mediziner entdeckten manch Nutzen in der Hodenentfernung, die heute zum Beispiel eine Behandlung von Prostatakrebs unterstützen kann. Als Nebeneffekt erleben die Patienten Hitzewallungen wie Frauen in den Wechseljahren.

Kastration für den Gesang zur Ehre Gottes

Hippokrates empfahl die Operation bei Gicht, andere Ärzte der Antike glaubten, sie helfe gegen Epilepsie und Lepra. Im Mittelalter und noch lange darüber hinaus war die Kastration bei Leistenbrüchen üblich, wenn auch als zunehmend umstrittene Praxis. Die dafür notwendigen, äußerst unangenehmen Verfahren dokumentiert der Lindauer „Schnitt- und Augenarzt“ Caspar Stromayr in seiner medizinischen Handschrift aus dem Jahr 1559. Seine Zeichnungen in der „Practica copiosa von dem Rechten Grundt Deß Bruch Schnidts“ illustrieren das medizinische Knowhow der Zeit und lassen die Pein des Behandelten mehr als nur erahnen. Stricke, Messer und spezielle Scheren nahmen Stromayrs Ärzte zur Hand. Ähnlich gingen wohl die Bader vor, um bei unreifen Knaben tief ins empfindliche Gewebe einzuschneiden, die Samenstränge zu durchtrennen oder gleich den ganzen Hodensack zu entfernen. In den Genuss von betäubendem Opium, von dem historische Schriften erzählen, dürfte in Italien keiner der Knaben gekommen sein. Einige Berichte erwähnen heiße Bäder zur Vorbereitung, und Asche diente zur Desinfektion, in anderen drücken Bader auf die Halsschlagadern, und ihre Opfer sind dann immerhin nicht bei Bewusstsein – alles für den reinen Klang.

Schon bevor 1637 das erste öffentliche Opernhaus in Venedig entstand, beruhte der Wohlklang im italienischen Kirchenstaat auf einem frühen Schnitt im männlichen Schritt. Weil Frauen in Gotteshäusern nicht ihre Stimme erheben durften, mussten Knabenchöre die hohen Lagen übernehmen. Und als Ende des 16. Jahrhunderts weder sie noch die Falsettsänger genügten, triumphierte selbst in der Sixtinischen Kapelle die Chirurgie über die Natur: Allen Verboten zum Trotz billigte Papst Clemens VIII. die Kastration für den Gesang zur Ehre Gottes. Ein weniger nützliches Glied wurde für ein wertvolleres geopfert, der jungenhafte Kehlkopf sollte erhalten bleiben, so argumentierten Befürworter gar im Sinne des „öffentlichen Wohls“. Sie verhalfen damit einem Brauch der byzantinischen Kirchenmusik zu neuen Ehren.

Kultstatus erlangten nur wenige

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