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Kardiologen-Kongress : Herzerkrankungen nehmen weltweit zu

  • -Aktualisiert am

Bild: dapd

Bluthochdruck nimmt zu, gerade in Schwellenländern. Akute Herzattacken treffen zunehmend junge Patienten - schuld sind Übergewicht und Rauchen, war man sich auf dem Europäischen Kardiologen-Kongress einig.

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          In den Industrienationen sind Herz-Kreislauf-Krankheiten, darunter Herzinfarkte und Schlaganfälle, die mit Abstand häufigste Todesursache. Aber auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern kommen solche Leiden zunehmend häufig vor. Hierauf deuten unter anderem die auf dem Europäischen Kardiologenkongress in München vorgestellten Erkenntnisse eines internationalen Forscherteams, das den Gesundheitszustand und die Lebensgewohnheiten von mehr als 150 000 Personen aus weltweit siebzehn Ländern erfasst hat. Viele das Herz und die Gefäße schädigende Risikofaktoren werden in den ärmeren Ländern aber nicht als solche wahrgenommen und daher auch nicht behandelt, erklärte einer der Studienautoren, Rafael Diaz aus Rosario in Argentinien. Das treffe unter anderem für den Bluthochdruck - die Hypertonie - zu. So wiesen in Ländern mit geringem Einkommen mittlerweile 28 bis 35 Prozent der Bevölkerung deutlich zu hohe Blutdruckwerte auf. Aber auch in den reichen Nationen steht in dieser Hinsicht nicht alles zum Besten, wie der Kardiologe Georg Ertl von der Universität Würzburg einwandte. In unseren Breitengraden seien die schädlichen Auswirkungen der Hypertonie zwar hinlänglich bekannt. Dennoch würde die Störung nur bei zwanzig Prozent der Betroffenen konsequent genug angegangen.

          Anlass zur Sorge gibt zudem eine in Frankreich beobachtete Entwicklung, die sich teilweise auch in anderen europäischen Nationen abzeichnet. Wie Wissenschaftler um den Kardiologen Nicolas Danchin von der Université Paris Descartes nach Auswertungen der Krankenakten von 7000 Infarktpatienten herausgefunden haben, treten akute Herzattacken bei Personen zunehmend jüngeren Alters auf. Das gilt insbesondere für das weibliche Geschlecht: Im Jahr 1995 waren erst zwölf Prozent der Patientinnen unter sechzig und vier Prozent unter fünfzig Jahre alt und fünfzehn Jahre später dann bereits 26 und 11 Prozent. Laut Danchin beruht dieser Trend in erster Linie auf einer Zunahme des Tabakverbrauchs und, in geringerem Maße, auf einer größeren Verbreitung der Fettleibigkeit. So hätten bei der ersten Untersuchung 37 Prozent der infarktkranken Frauen angegeben, regelmäßig zu rauchen, und bei der letzten im Jahr 2010 dann 73 Prozent. Der Anteil an stark übergewichtigen Patientinnen sei in demselben Zeitraum zudem von 18 auf 27 Prozent angestiegen.

          Nutzen des Rauchverbots

          Erfreulich ist andererseits, dass das Rauchverbot in Restaurants und anderen öffentlichen Räumen mittlerweile Früchte zu tragen scheint. Hinweise auf einen solchen Nutzen liefern unter anderem die Beobachtungen von Ärzten um Johannes Schmucker vom Klinikum Links der Weser in Bremen. Wie Schmucker in München berichtete, verzeichnete das Herzzentrum Bremen seit Einführung der einschlägigen Gesetze im Jahr 2008 einen merklichen Rückgang der Infarktbehandlungen - allerdings nur bei den Nichtrauchern. In dieser Gruppe habe die Zahl der Betroffenen um 26 Prozent abgenommen, bei den Rauchern demgegenüber um vier Prozent zugenommen. Vergleichbare Resultate lieferte kürzlich auch eine Datenanalyse von mehr als 3,7 Millionen Versicherten der DAK (Clinical Research in Cardiology, Bd. 101, S. 227). Wie daraus hervorgeht, kamen bereits im ersten Jahr nach Inkrafttreten der Nichtraucherschutzgesetze 1880 weniger Personen wegen eines Infarkts ins Krankenhaus als in den Jahren davor. Damit haben man Therapiekosten in Höhe von rund 7,7 Millionen Euro einsparen können.

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